Walther Killys Aufsätze

Von Horst Rüdiger

Unsere Studenten läsen zu wenig, klagen die Professoren (die freilich mehr Lesejahre hinter sich haben als ihre Studenten). Wir seien das „Volk ohne Leser“, tönt es aus Verlagen und Buchhandlungen, und in Paris läsen selbst die Grisetten in der U-Bahn, las ich bei einem Frankomanen. Und was lesen sie? Nicht etwa das Lesevergnügen der „Kleinen Leute“ teilen sie, das Rudolf Schenda bei uns untersucht hat; nein, die Klassiker und Flaubert und Sartre bis zu den gestern ausgelieferten Novitäten. In der Tat, ein beneidenswertes Volk.

Ohne eine zweite Frage geht die erste freilich ins Leere. Wie lesen sie, jenseits und diesseits des Rheines? Sei es viel oder wenig – sie lesen oberflächlich, huschen über den Text dahin. Sie verdauen nicht, was sie gegessen haben. Wir brauchen einen, der uns sagt, was Lesekunst sei, und lassen uns belehren von –

Walther Killy: „Schreibweisen – Leseweisen“; Verlag C. H. Beck, München, 1982; 121 S., 28,– DM.

In sieben Aufsätzen behandelt Killy zwar recht verschiedene Themen, gibt aber ausnahmslos Hinweise, wie man richtig lesen sollte.

Zunächst sind Hindernisse zu überwinden: die Überproduktion an „Lesestoff“, wie der gräßliche Terminus in der Wirtschaft heißt; die Vorliebe für „leichte“ Texte; „die klägliche Neigung des Deutschunterrichts zur Gegenwartsliteratur“, die auch für die Medien gilt, oder zu den gleichgültigsten „Textsorten“ bis hinab zur Pissoir-Poesie; der Mangel an einem verbindlichen Kanon; das Scheitern der Versuche mit „Leselisten“. Killy unterschätzt diese äußeren Hindernisse wohl, so wie er auch den „Bereich des Wiß- und Nachschlagbaren“ nach meiner Erfahrung zu gering veranschlagt. Will man zum Beispiel Heines „Vitzliputzli“ verstehen, so muß man wissen, welche Funktion die Dämonen Astaroth und Lilis haben. Das erfährt man aus Nachschlagewerken, und allein mit ihrer Hilfe kommt man dem Verständnis des Gedichtes näher.