/ Von Esther Knorr-Anders

Einem zufällig Vorbeikommenden mochten die rund fünfzehn Gestalten nicht recht geheuer dünken. Schließlich war es Sonnabend, gerade Frühstückszeit. Die Einfahrt zur Schreinerei Luther in der stillen Messeler Straße in Darmstadt-Arheilgen hatten sie mit ihren Autos nahezu verrammelt. Erregten schon die Personen im räuberzivilen Habit Aufmerksamkeit, so erst recht die Autos. Auf dem Dach des einen war eine Kommode festgezurrt, auf einem anderen Dach ein Schrank, ein Tisch. Die Heckklappen standen zum Teil offen. Stuhlbeine ragten heraus. Mit ermunternden Zurufen lösten sie die Gurte, halfen sich gegenseitig das Möbel auf den Rücken zu wuchten.

Die Schreinerei war weiträumig. Geraucht durfte nicht werden. 200 feuergefährliche Chemikalien waren auf Seitenborden abgestellt; alle zur Restauration alter Möbel notwendig. Das letzte Mitbringsel, ein Brottisch aus dem Biedermeier, wurde hereingetragen. Schweigen breitete sich aus. Einer lief, um die Tür zu schließen. Sie rückten zusammen, bildeten einen Halbkreis. Eine Veränderung ging mit ihnen vor. Sie hatten-Schürzen vorgebunden, Kittel angezogen. Sinnenden Blickes betrachteten sie eine ramponierte Kommode.

„Nußbaum, furniert auf Tanne“, klang es ehrfürchtig. „Spätbiedermeier. Wenig blieb erhalten. Es wird unbezahlbar.“ Die Stimme erstarb. Einer strich über die Oberfläche. „Wunderschön“, stellte er allen Ernstes fest.

Ärzte befanden sich unter den Teilnehmern, eine Lehrerin, Hausfrauen, Graphiker, Tischler, Kaufleute. Ausnahmslos vermittelten sie den Eindruck, eine begreifbare Seele in ihrem Leib zu beherbergen. Aber hier nun? Da sie sich partout nicht entschließen konnten, eine Entrümpelungsfirma zu bemühen, mußten sie notwendig etwas gänzlich anderes sehen als ich. Nach und nach enthüllte sich mir ihr Geheimnis. Vor ihren Augen geisterte das mit allerlei Kunstgriffen restaurierte Möbel. Zehn Stunden später stand die verwandelte Kommode an gleicher Stelle. Umgeben von ebenfalls restaurierten Empire- und Jugenstilstühlen. Umgeben auch von schlichtem Mobiliar weniger auffallender Stile. Zwischen Morgen und Abend war das Gerümpel Kostbarkeit geworden.

Ein Mann trat aus ihrer Mitte: Der Seminarleiter Horst Weidmann. „Wollen wir anfangen?“ jener, dem die Kommode gehörte, nickte. Behutsam kippten sie das Möbel um. Es mußte „angefeuert“‚ das heißt, Zentimeter für Zentimeter mit Schleiföl bearbeitet werden. „Jeder hilft jedem“, hieß ihr Motto. Sämtliche mitgebrachten Stücke sollten fertig werden. Aus diesem Grund gönnten sie sich kaum eine Pause. Tischplatten waren zu beizen, Furniere zuzuschneiden, das „Retuschieren von Disharmonien im Erscheinungsbild von Holzfarbe und Maserung mit verschiedenen Präparaten“ durchzuführen. „Flecken werden weggeteilt. Oder mit Wasserstoffsuperoxid ausgebleicht. Anschließend wird mit erhitztem Schellack deckt. Ist es gelungen, sieht es aus, als sei Holz an dieser Stelle besonders elegant gemasert“, übersetzte mein Nachbar.

Zu zwei mal zwei Wochenendkursen (jeweils Sonnabend und Sonntag, je zehn Stunden) hatte die Gruppe sich getroffen. In Kurs I (um 250 Mark) wurden sie mit Möbelstilkunde vertraut gemacht. Sie lernten die wichtigsten Hölzer kennen und erkennen.