Steven Stanleys „Evolutionsfahrplan“

Von Volker Sommer

Wir und von den Affen abstammen! Hoffen wir, daß dem nicht so ist! Falls es aber doch stimmt, beten wir dafür, daß es nicht allgemein bekannt wird.“ Der Entsetzensschrei jener legendären viktorianischen Lady war zweifellos gezügelt vorgetragen, als ihr Charles Darwins 1871 erschienenes Werk „Die Abstammung des Menschen“ entglitt. Aber die Gebete der Bibelfesten, die mit der augenscheinlich unveränderlichen Mannigfaltigkeit dessen, was kreucht und fleucht, nur das Werk eines Schöpfergottes bewiesen sahen, blieben erfolglos. „Der Mensch stammt vom Affen ab“ ist heute eine Stammtischweisheit.

Daß unsere Vorfahren von den Bäumen herabgestiegen sind, bezweifelt Steven Stanley auch nicht, aber das Wie dieses Abstiegs zu unser aller Aufstieg war nach Ansicht des Professors für Paläobiologie an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore im amerikanischen Bandesstaat Maryland ganz anders, als es die orthodoxe Evolutionstheorie glauben machen will:

Steven Stanley: „Der neue Fahrplan der Evolution. Fossilien, Gene und der Ursprung der Arten.“ Harnack-Verlag, München, 1983; 252 Seiten, 38,– DM.

Das Buch wird zwar nicht als eine jener kopernikanischen Wenden angepriesen, die gern herbeizitiert werden, um Expertengemunkel populär zu vermarkten. Aber ein „Darwin hatte nicht recht“ konnte sich der Harnack-Verlag als Aufmacher seines Prospektes doch nicht verkneifen (obwohl im Klappentext der amerikanischen Originalausgabe genau das Gegenteil steht: „Darwin was right about evolution“ – ein Einwand, der von vornherein die Inanspruchnahme von Stanleys Buch durch die bibelgläubigen Kreationisten abblocken sollte).

Darwin hatte 1859 in seinem Klassiker „Die Entstehung der Arten“ gelehrt: Die Formen des Lebens verändern sich stetig, aber vor allem – gegen die Spanne eines Menschenlebens gemessen – unvorstellbar langsam. Die natürliche Auslese ist „täglich und stündlich ... still und unmerklich“ dabei, unvorteilhafte Varianten auszumerzen, während Individuen mit günstigen Eigenschaften überleben. Unzählige solch winziger Schritte addieren sich, bis über Jahrmillionen aus fließenden Übergängen andere Arten, Gattungen, Familien von Lebewesen entstehen.