Der Anschlag von Rangun auf die südkoreanische Regierungsdelegation droht die labile Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und in Fernost zu gefährden.

Präsident Chun Doo Hwans Auslandsreise endete, mit einer Bombendetonation vor dem Schrein der Märtyrer in der burmesischen Hauptstadt Rangun. Burma unterhält mit beiden koreanischen Staaten diplomatische Beziehungen, für Präsident Chun Anlaß genug, die Theorie von einem Anschlag seines nordkoreanischen Gegenspielers Kim II Sung zu verbreiten.

Bei dem Attentat, dem Chun nur knapp entging, kamen 19 Menschen ums Leben: drei burmesische Journalisten und sechzehn Südkoreaner, darunter vier Minister. Chun verlor seine wichtigsten wirtschaftspolitischen Mitarbeiter und seinen Außenminister Lee Bum Suk, den Fürsprecher eines behutsamen Dialogs mit Moskau, der die Gefahr eines militärischen Konflikts der beiden koreanischen Staaten abbauen und zugleich neue Märkte für Südkorea erschließen wollte.

Die Kursabweichung der südkoreanischen Linienmaschine am 1. September und der Abschuß des Flugzeugs durchkreuzten den di-Interparlamentarischen Union in der südkoreanischen Hauptstadt, die einen Durchbruch für Seouls Beziehungen zu den kommunistischen Staaten bedeuten sollte. Auch der Plan der jetzt bereits auf der ersten Station brutal unterbrochenen Reise nach Burma, Indien, Sri Lanka, Australien, Neuseeland und Brunei trug die Handschrift Lees. Er wollte vor allem die Beziehungen zu den blockfreien Staaten mit gutem Draht nach Moskau und ins nordkoreanische Pjöngjang verbessern.

Der südkoreanische Fernsehsender KBF interviewte am Tag nach dem Mordanschlag in sichtlicher Improvisation wahllos Passanten in Seoul. Einhelliger Tenor der Befragten: „Das Maß ist voll“, aber auch: „Jetzt müssen wir zurückschlagen.“ Straßenszenen wechselten mit Berichten über die Rückkehr des Präsidenten-Jumbo, dem ein geschlagener, völlig erstarrter Chun entstieg. Betroffenheit und Wut brauchen in diesen Tagen in Südkorea kaum ferngesteuert zu werden. Die erst kurze Phase einer beweglicheren Außen- und Außenhandelspolitik Seouls, die durch den Sowjet-Abschuß der KAL-Maschine ohnehin stark gelitten hatte, weicht der Verhärtung auf der koreanischen Halbinsel.

Gleichgültig, ob die Drahtzieher des Attentats wirklich in Nordkorea sitzen – Seoul wird sich zu noch mehr verteidigungspolitischer Kopflastigkeit seiner Haushalts- und Wirtschaftspolitik gezwungen sehen. Die Entspannung nach außen, aber auch die Freiheitsrechte im Inneren Südkoreas drohen dem Anschlag von Rangun zum Opfer zu fallen. Seoul hat den Belagerungszustand proklamiert und die Streitkräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Und der nordkoreanische Rundfunk findet nur Worte des Bedauerns, daß die Bombe „das Monster Chun“ verfehlt hat.

Helmut Becker (Tokio)