Karl Krolow ist ein Lyriker der stilistischen Wandlungen und seelischen Häutungen, der eben, nachdem er mit zwei Bänden gereimter und vergleichsweise konventioneller Poesie überrascht hatte, ein sehr andersartiges und eigen getöntes Buch in ungebundener reimfreier Sprache vorlegt –

Karl Krolow: „Herodot oder der Beginn von Geschichte“, Gedichte, mit einem Essay von Klaus Jeziorkowski; Horst Heiderhoff Verlag, Waldbrunn, 1983; 61 S., 14,80 DM.

Fünfzehn Gedichte, die einen Zyklus bilden und allesamt das Thema Historie paraphrasieren, im Sinne einer früheren Definition des Autors: „Geschichte ist schwierig. Die Gegend ist so blutig.“

Nichts wäre abwegiger, als Krolows Verse, die im Frühjahr 1982 entstanden, für eine Art spätaufklärerisches Lehrgedicht zu halten. Die Geschichte wird nicht erhellt, nicht als etwas in sich Plausibles gedeutet. Im Gegenteil: Sie wird als das Dunkle und Absurde schlechthin vorgeführt. Die Berufung auf den griechischen Urahnen annalenhaften Überlieferns ist eher ein ironisches Unterfangen voll perfider Anspielungen als eine vertrauensvolle Überantwortung an den Klassiker der Geschichtsberichterstattung.

Für Krolow ist die Historie das Unsinnige schlechthin. Der Ursprung der Geschichte bleibt unergründlich, während ihr Ausgang in apokalyptische Nähe gerückt zu sein scheint: „Die Totschläger, anonym, gehn nun / mit empfindlichen Apparaten an ihr Werk...“

Krolow hat schon früher keinen Zweifel daran gelassen, daß sich im seinsgeschichtlichen Ablauf immer wieder die Hand des Siegers um die Kehle des Besiegten legt. In dem Gedicht „Historie“, das er bedeutungsvoll an den Schluß seiner wichtigen Sammlung „Fremde Körper“ von 1959 stellte, leitete er die Geschichte aus dem Mythos ab, aus dem wütend-sinnlosen Herumtrampeln von Centauren, das zu keinerlei Läuterung führte, sondern zu deprimierenden Fortsetzungen und brutalen Übersteigerungen.

Ähnlich wie Benn, der nur eine theologisch verwaiste Schöpfung, doch keinen ethischen Entwicklungsprozeß und keinen transzendentalen Zielpunkt ausmachte, gewahrt auch Krolow lediglich „Länder mit Todesgeruch“, und dies schon zu jenen undenklichen Zeiten, die noch ganz im Schutz von Magie und mystifizierender Unkenntnis lagen, im nebulösen Vorfeld exakter Spurensicherung und deutenden Wissens: „Längs des Nils ist das Schwein eine Gottheit / Wie das Schamglied. / Ein Bock paart sich mit einem Weib öffentlich...“ Das Religiöse hat anfangs eine orgiastische Dimension, doch im Kult des Sinnlichen ist kein Platz für individuelle Freude und persönliches Überleben. Die Existenz erhitzt sich im Eros an sich selber, aber der Vorgang bleibt von flüchtiger Zufälligkeit. Und der Autor findet das Sinnbild eines geradezu mechanischen Kahlfraßes, mit dem ein Teil des Lebendigen über den Rest der Welt herfällt: „Heuschrecken kommen und sind / stärker als das Licht.“