ARD, Sonntag, 16. Oktober, 22.40 Uhr: „Gefängnis-Postsack X 4 Südafrika. Ein Brief an Breyten Breytenbach“ von Herbert Brödl und Jobst Grapow

Ein Rebell ist er sicherlich nicht, dieser schmale, dunkelhaarige, bärtige Mann mit den unergründlichen, wachen schwarzen Augen, wohl aber einer, der sich für Freiheit, für Gerechtigkeit, für ein unterdrücktes Volk einsetzt: Breyten Breytenbach, Maler und Poet.

Seine Gedichte und Romane spielen in jenem Land, in dem er 1939 geboren wurde, das er liebt und an dem er leidet: Südafrika. Er schreibt in der Sprache seiner Väter, Afrikaans, die zugleich die Sprache der Apartheid ist. Diese Politik der Rassentrennung, die es vier Millionen Weißen ermöglicht, über zwanzig Millionen Schwarze zu regieren, quälte den Lyriker schon früh, trieb ihn 1961 ins Exil nach Paris. 1975 verurteilte ihn das Regime zu einer neunjährigen Haftstrafe. Er hatte versucht, so die Urteilsbegründung, die weiße Minderheitsregierung zu stürzen. Im Dezember 1982 wurde er nach sieben Jahren Haft vorzeitig entlassen.

Im Sommer desselben Jahres entstand ein Film über, besser: für den Schriftsteller. Denn er ist eine liebevolle Hommage, ein „Filmbrief“, der über den „Schreiber“ ebensoviel aussagt wie über den Schriftsteller. Jobst Grapow, in Hamburg geboren, in Südafrika aufgewachsen, Cineast und Presse-Agent (er arbeitete unter anderem für Roberto Rossellini und Tinto Brass) lebt heute in Rom, wo er zusammen mit Herbert Brödl, dem österreichischen Drehbuchautor („Hauptlehrer Hofer“) und Filmemacher („Arnulf Rainer: Körpersprache – Körperkunst“), seinen „Brief“ formuliert, inszeniert hat.

Wie Breytenbachs erst in diesem Jahr bei uns erschienener Roman „Augenblicke im Paradies“ ist auch der Brief des Freundes beides: poetisch und politisch. Er erzählt in Bildern, die irreal, schemenhaft wirken (von Herbert Brödl in Südafrika aufgenommen), von einem fernen Land. Die Weite der Landschaft, die bewegten Wasser am Kap der guten Hoffnung, die Gelassenheit der Schwarzen am Strand bei ihrem Spiel mit Steinen lassen erkennen, was Breytenbach meinte, als er den Unterschied beschrieb zwischen den Kontinenten Europa und Afrika: „Der Europäer hat seinen Grund und Boden nach seinen Bedürfnissen verschmutzt: Der Afrikaner mußte sich an Afrika anpassen. Nicht um Besitz zu ergreifen, sondern um geduldet zu werden – oder um Teil sein zu können.“

Zu seinem politischen Credo („Jeder Schriftsteller hat die Pflicht, der Justiz Schwierigkeiten zu machen, um Freiheit zu finden oder wenigstens zu suchen“) zeigt Grapow Bilder vom römischen Justizpalast, von südafrikanischen Gefängnissen. Diese unterscheiden sich in nichts von unseren kalten, menschenunwürdigen Betonkästen. Yolande, Breytenbachs aus Vietnam stammende Frau, berichtet – leise und zögernd – von ihren Besuchen im Gefängnis: dreißig Minuten Blickkontakt durch eine Doppelscheibe und eine Unterhaltung durch ein die Stimmen verzerrendes Telephon. Traurige Erinnerungen.

Aber auch Erinnerungen an den Poeten Breytenbach ruft Jobst Grapow wach. Er läßt den Schauspieler Rüdiger Vogler Texte von Breytenbach in deutscher Übersetzung lesen, dann läßt er sie in Afrikaans wiederholen. Und so hört man, wie melodisch und lebendig diese Sprache ist, die sich vor drei Jahrhunderten, nach der Einwanderung holländischer Siedler in Südafrika, allmählich entwickelte.

„Gefängnis-Postsack X 4 Südafrika“ ist ein leiser Film, der sich langsam und in harmonischen Bewegungen seinem Thema nähert. Er ähnelt darin den Bewegungen einer Kampftechnik, die Jobst Grapow zusammen mit seinem Lehrer vorführt. Bei uns ist diese Technik, nach Grapow, indianischen Ursprungs, als T’ai Chi bekannt. Die Bewegungen sind von großer Ruhe und Konzentration, aber sie lassen auch Kraft und Stärke ahnen. Beides brauchen Breyten Breytenbach und Jobst Grapow für ihr Land. Im Anschluß an den Film wird ein Interview mit Breytenbach gesendet. Anne Frederiksen