Von Theo Sommer

Günter Gaus war ein halbes Leben lang Journalist; dann trat er unter Willy Brandt in den Staatsdienst und leitete von 1974 bis 1981 als erster Bonner Missionschef die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in der DDR; seit zwei Jahren schreibt er wieder, hält Vorträge, denkt öffentlich teils vor sich hin, teils hinter sich her. Jetzt hat er sein lang erwartetes Buch vorgelegt: Ein Memoirenband ist es nicht geworden, hat es nach dem Willen des Autors auch nicht werden sollen. Gaus wollte von vornherein, was der Untertitel besagt: eine Ortsbestimmung – und zwar des ganzen geteilten Deutschlands, nicht nur eines der beiden großen Trümmerstücke aus der Schuttmasse des Deutschen Reiches. Darin liegt der Reiz der Darstellung. Doch in der Art, wie Gaus den Sextanten handhabt, liegt auch manche Schwäche. Die Hauptschwäche: Über Ostdeutschland liefert er einen eindrucksstarken Erfahrungsbericht, über Westdeutschland bloß lärmiglarmoyante Leitartikel.

Er schildert beide Teile Deutschlands so, wie er sie sieht. Mit leiser Zuneigung schreibt er über die DDR, mit lautstarker Bitterkeit über die Bundesrepublik. Aus der Zuneigung für den Osten wird dabei liebevolle Objektivität, aus der Bitterkeit über die Bundesrepublik allzuoft ein selbstgefälliger Pessimismus. Wo Gaus über die DDR berichtet, belegt er seine Darstellung aus vielerlei persönlichem Erleben; so werden aus subjektiven Ansichten mitvollziehbare Einsichten; was er über die Bundesrepublik zu Papier bringt, speist sich aus seinen Stimmungen und Mißstimmungen mehr als aus belegter Analyse; so bleibt es bei Ansichten, die man teilen kann oder nicht, je nachdem.

Drüben – da erblickt Günter Gaus ein Staatsvolk der kleinen Leute, konservativ in seiner Grundhaltung, spießbürgerlich in seinen Reflexen, gravitätisch in Stil und Auftreten der Führungsfiguren. Der Kommunist ist entdämonisiert; am Arbeitsplatz herrscht Freiheit von Angst; es gibt im Berufsleben kein Schielen nach oben, keine Angeberei mit der Karriere, keine Zweifel am eigenen gesellschaftlichen Stellenwert. Ansonsten haben sich die Mecklenburger und Sachsen, die Brandenburger und Thüringer in die Nischen des Privaten zurückgezogen, wo sie fern von Staat und Partei ihren Liebhabereien frönen – das Kapitel über das Glück-im-Winkel der Nischengesellschaft ist eines der aufschlußreichsten des Buches. Die Jugend wird nicht vergötzt wie im Westen, ist früher eingeplant, verplant, fügsamer schließlich; das Bildungssystem ist auf Anpassungsbereitschaft angelegt; die Frauen sind nur in der Lebenswirklichkeit außerhalb der Nischen wirklich emanzipiert. „Die staatliche Teilung Deutschlands ist weithin auch zu einer sozialen geworden“, lautet einer der bedeutsamsten Befunde des Buches.

Indessen vermerkt Gaus auch, daß die DDR-Gesellschaft nicht mehr monolithisch erstarrt ist. Es gibt Ansätze zu neuen Bildungsidealen, die weniger auf den Durchschnitt als auf Spitzenbegabungen zielen; dies wird die soziale Differenzierung weiter vorantreiben. Die Leute beginnen auch, den Kopf aus der Nische zu strecken; sie lernen zu widersprechen, üben sich in neuem Freimut vor Funktionärsschreibtischen. Gaus warnt davor, die Dissidenten oder die Friedensbewegung drüben als etwas anderes denn eine Minderheitensache zu bewerten. Aber er erwartet doch für Mitte der achtziger Jahre einen tiefgreifenden Wandel in der DDR: einen Generationenwechsel, einen Wechsel im geistigen Klima, fortschreitende Emanzipation der Jugend; glattere, normiertere Formen des Zusammenlebens.

Hüben hingegen – da sieht Günter Gaus schwärzer. Er badet in Pessimismus: „Deutschlands Unglück hat sein volles Maß noch nicht erreicht“. Die lange, gnädige Atempause geht zu Ende, das unterbrochene Trauerspiel wird wieder aufgenommen. Außenpolitisch zerbröselt das „Wohlaufgehobensein Deutschlands in günstigen internationalen Gegebenheiten“; innenpolitisch löst sich die Sozialpartnerschaft auf. Nach dem Bonner Regierungswechsel drängt Westdeutschland noch mehr zur Polarisierung und Restauration; das Lebensgefühl der meisten Zeitgenossen beschränkt sich auf die Gegenwart; der überhöhte Pragmatismus hat die „analytischen Fähigkeiten über den Tag hinaus“ verkümmern lassen. Das Lamento darüber mündet in einen skeptischen Satz über die „Ungewißheit, was vom Bewußtsein der individuellen Freiheit und der Fähigkeit zu ihr uns bleiben, wenn die Reise nach Mallorca nicht mehr zu bezahlen ist.“ Einen deutschen Gleichgewichtssinn – Gaus vermißt ihn.

Auf diese doppelte Leinwand projiziert er nun seine Vorstellungen über die Zukunft der deutschen Frage. Er tut es als ein Patriot, dem die alten Antworten hohl und verlogen vorkommen. Sieht man freilich genau hin, so enthüllt sich: Jenseits der Analyse des gegenwärtigen Zustandes bleibt auch seine eigene Antwort auf die deutsche Frage verschwommen. In der Klage über die allgemeine Ratlosigkeit spiegelt sich die eigene wider. Seit er seine Ideen zum ersten Mal öffentlich umrissen hat, in einem ZEIT-Interview im Frühjahr 1981, sind sie nicht viel klarer geworden.