Von Manuela Reichart

Am 5. November irgendeines Jahres beginnt eine Frau ihre Erfahrungen aus den letzten 30 Monaten aufzuschreiben. Sie weiß nicht genau, ob der 5. November wirklich der 5. November ist, sie, schreibt auch nicht aus Lust am Schreiben oder in der Hoffnung auf Befreiung, nicht modische Selbsterfahrung ist ihr Ziel; sie schreibt, um nicht den Verstand zu verlieren.

Die Frau – deren Namen man über 270 Seiten nicht erfährt, weil es niemanden gibt, der sie ansprechen könnte – ist allein in einem Jagdhaus, in Wald, – und sie wird es bleiben. Sie schätzt die Uhrzeit nach dem Sonnenstand, und ihre Geschichte notiert sie auf der Rückseite alter Kalender, auf vergilbtem Geschäftspapier. Sie hofft auch nicht auf Leser, macht sich immer wieder klar, daß ihre Aufzeichnungen eines Tages von den Mäusen gefressen werden, ohne daß ein menschliches Auge sie erblickt haben wird.

Das ist die Ausgangssituation eines Romans, der 1968 zum erstenmal erschienen ist, 1974 neu aufgelegt wurde und später in Vergessenheit geriet wie seine Autorin, die 1970 mit 50 Jahren gestorben ist. Jetzt hat ihr alter bundesdeutscher Verlag beide neu entdeckt; die österreichische Schriftstellerin und ihren Roman, der den Anfang einer Neuedition des Gesamtwerkes bilden soll.

Eine weibliche Robinsonade. Eine Endzeitvision. Auf einem Wochenendausflug, den sie mit Verwandten in das abseitig gelegene Jagdhaus unternimmt, erwacht die Frau am Morgen alleine, die beiden anderen sind vom abendlichen Wirtshaus-Besuch nicht zurückgekommen. Die nicht mehr junge Frau ist beunruhigt, sie macht sich auf die Suche und stößt dabei plötzlich auf eine durchsichtige Wand, ein mit dem Auge nicht erkennbares Hindernis, einer Mauer aus Glas gleich, an dem sie nicht vorbeikommt, das die Schlucht von der übrigen Welt trennt. Eine Welt, in der, die Frau kann es sehen, alles Leben zum Stillstand gekommen ist; Tiere und Menschen sind tot, liegen oder sitzen in ihrer letzten Bewegung erstarrt an ihrem Platz. Die Ursache für diesen Schrecken kennt die Frau nicht: eine Wunderwaffe, eine atomare Katastrophe? Sie hört bald auf, darüber nachzudenken, weiß nur, daß die Menschen die Menschheit zerstört haben.

Die Überlebende richtet sich mit einem zugelaufenen Hund, einer Katze, einer Kuh in ihrer Rolle ein. Im Jagdhaus gibt es Vorräte, sie sät Bohnen, setzt Kartoffeln, lernt mühsam, was ihr im Stadt-Leben ganz fremd war, und sie beginnt, ihre hoch verbleibende Zeit an der Zahl ihrer Zündhölzer zu messen. Eine schreckliche Situation, die bei Marlen Haushofer jedoch schnell an Schrecken verliert, denn das, was eine Kritik beim früheren Erscheinen des Romans bemängelte (1974 in der Deutschen Tagespost), daß nämlich „das Schönste am Menschsein, die Kommunikation, vollkommen geleugnet wird“, das erwächst der einsamen Frau zur Stärke. Langsam verliert sie die Hoffnung, befreit zu werden. Sie findet sich mit ihrem Schicksal ab und, mehr als das, sie vermißt die Menschen nicht wirklich, sie kann sich in Wahrheit niemanden vorstellen, der ihr jetzt eine angenehme und nützliche Gesellschaft wäre. Sie sehnt sich nicht danach, ihre Freunde, ihre Töchter wiederzusehen, sie denkt kaum an sie und wenn, dann nur in vergangenen Zeiten, als sie noch Kinder, keine Erwachsenen waren; es erfüllt die Frau mit Freude, nicht mehr lügen zu müssen, weil niemand mehr da ist, der die Unwahrheit glauben oder brauchen würde. Sie verachtet jetzt ihr früheres Leben, sieht den Zusammenhang zwischen der Zerstörung der Welt und der Ignoranz der Stadt-Menschen, dem Sterben allen Lebens, der dummen Machtgier und der gewöhnlichen Unkenntnis.

„Wenn ich heute an die Frau denke, die ich einmal war, die Frau mit dem kleinen Doppelkinn, die sich sehr bemühte, jünger auszusehen, als sie war, empfinde ich wenig Sympathie für sie. Ich möchte aber nicht zu hart über sie urteilen: Sie hatte ja nie eine Möglichkeit, ihr Leben bewußt zu gestalten. Als sie jung war, nahm sie, unwissend, eine schwere Last auf sich und gründete eine Familie, und von da an war sie immer eingezwängt in eine beklemmende Fülle von Pflichten und Sorgen. Nur eine Riesin hätte sich befreien können, und sie war in keiner Hinsicht eine Riesin, immer nur eine geplagte, überforderte Frau von mittelmäßigem Verstand, obendrein in einer Welt, die den Frauen feindlich gegenüberstand und unheimlich war... Ich habe zweieinhalb Jahre darunter gelitten, daß diese Frau so schlecht ausgerüstet war für das wirkliche Leben. Heute noch kann ich keinen Nagel richtig einschlagen, und der Gedanke an die Tür, die ich für Bella aufbrechen will, jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken. Natürlich war nicht damit zu rechnen, daß ich einmal Türen aufbrechen müßte. Aber ich weiß auch sonst fast nichts, ich kenne nicht einmal die Namen der Blumen auf der Bachwiese. Ich habe sie im Naturgeschichtsunterricht nach Büchern und Zeichnungen gelernt, und ich habe sie vergessen wie alles, von dem ich mir keine Vorstellung machen konnte.“