Von Renate Scheiper

Wenn wir in einem Fernsehkrimi die Arbeit des Detektivs verfolgen – wie er Spuren sichert, Spuren auswertet –, erwarten wir, daß nach gründlicher Arbeit ein interessantes Ergebnis herauskommen wird. Ähnlich mühsam und aufregend wie die detektivische Spurensuche ist die Arbeit des Wissenschaftlers, der sich mit krankhaften Veränderungen an Skelettfunden beschäftigt, des Paläopathologen (palaios = alt, Pathologie = Lehre von den Auswirkungen der Krankheiten an den Organen).

Der Paläopathologe oder der Anthropologe studiert ein Skelett-Teil nicht selten bis zu dreißig Stunden lang, bis er mühsam alle Informationen herausgelesen hat. Dabei muß er natürlich unterscheiden können zwischen normalen entwicklungs- oder altersbedingten Veränderungen der Knochen und Veränderungen aus krankhafter Ursache. Biologisches Alter und Geschlecht beispielsweise können in 96 Prozent aller Fälle eindeutig festgestellt werden.

Durch archäologische Grabungen haben wir Einblick in die kulturellen, sozialen und religiösen Verhältnisse vergangener Epochen. Doch über so naheliegende Fragen wie „Litten die Menschen früher schon an Rheuma, an Ischias, an Karies?“ wissen wir bisher kaum etwas. Diese Lücke zu schließen, hilft eine für Laien wie für Mediziner gleichermaßen interessante Wanderausstellung, die seit Anfang Oktober im Westfälischen Museum für Archäologie in Münster zu sehen ist. „Skelette erzählen ...“ ist der Titel dieser auf der Welt bisher einmaligen Ausstellung, in der Spuren an Knochen, Schädeln und Kieferteilen beredtes Zeugnis über Krankheiten, medizinische Versorgung und Operationsmethoden der Menschen des Frühen Mittelalters ablegen, in diesem Falle der Alamannen.

Gräberfelder, die über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte ununterbrochen benutzt wurden, wie jene im südwestdeutschen Raum, wo die Römer im 3. Jahrhundert von den Alamannen vertrieben wurden, die dann bis zum 8. Jahrhundert dort siedelten und ihre Toten unverbrannt bestatteten, sind für die Wissenschaftler wahre Fundgruben. Aus Unmengen hier gesammelter Daten können unter anderem Angaben über Körpergröße, unterschiedliche Schädelformen und durchschnittliche Lebenserwartung gewönnen werden. Die Körpergröße variierte nicht nur zu verschiedenen Zeiten, sondern auch zwischen den sozialen Schichten: Mitglieder des Adels waren in der Regel größer als Freie und Halbfreie. Auch unterschiedliche Schädelformen sind deutlich je nach sozialer Schicht festzustellen: Angehörige höherer sozialer Klassen hatten schmalere Gesichter und Hirnschädel als Halbfreie oder Unfreie. Das Durchschnittsalter der Alamannen lag bei 40 Jahren.

Ebenso sind einwandfrei verschieden schwere Wirbelsäulenerkrankungen zwischen höherer und niedriger Klasse statistisch zu erfassen, was auf die von den Unfreien zu verrichtenden schweren körperlichen Arbeiten hinweist.

Auch Erkrankungen der Weichteile verursachen in bestimmten Fällen Veränderungen an den Knochen. In Zusammenarbeit mit Medizinern ist es den Paläopathologen möglich, aufgrund der Art dieser Veränderungen die ursächliche Krankheit zu ermitteln. Keine noch so belanglos scheinende Kleinigkeit darf dabei außer acht gelassen werden, wie sich am Beispiel des Skeletts eines 30 bis 40 Jahre alten Mannes aus einem Grab bei Tailfingen-Truchtelfingen im Zollernalbkreis zeigt: Bei den Grabungsarbeiten hielten die Archäologen kleine dunkle Pünktchen in den Oberschenkelknochen zunächst für Erdkrümel, also kein Befund. Mit der Lupe jedoch wurden grübchenartige Auflösungen der Knochensubstanz erkannt und kleinste Herde neu gebildeter Knochensubstanz, was die dunkle Farbe ergab. Die Ursache dafür sind Tochtergeschwülste eines bösartigen Tumors. Der Mann muß äußerst starke Schmerzen gehabt haben und ist nach qualvoller Zeit an Auszehrung gestorben.