Ob Regierungssprecher zur Meisterklasse zählen, zeigt sich erst an ihrem Umgang mit dem eigenen Apparat, dem Bundespresse- und Informationsamt. Peter Boenisch demonstrierte das letzte Woche eindrucksvoll, als an die achtzig seiner siebenhundert Mitarbeiter in der Eingangshalle des Hauses standen und – wie vom DGB gefordert – fünf Minuten für den Frieden schwiegen. Um die Stille als Signal kenntlich zu machen, war den Initiatoren der Aktion zusätzlich eingefallen, sie mit Weckern einklingeln zu lassen.

Auch wenn Michael Bürsch, der Sprecher der SPD-Betriebsgruppe, nun schwört, es habe überhaupt nur ein einziger Wecker geklingelt, und der habe auch noch einem Kind gehört – die Ankündigung allein hatte offensichtlich schon ausgereicht, um Peter Boenisch auf Gegenwehr sinnen zu lassen. Als das große Schweigen begann, dröhnte plötzlich die Berliner Freiheitsglocke durch den heimlich aufgestellten Lautsprecher (Boenisch ist überzeugter Berliner), anschließend wurde den Versammelten Ernst Reuters berühmt gewordene Rede im Originalton zu Gehör gebracht: „Völker der Welt... schaut auf diese Stadt!“.

Die Schweiger reagierten betreten: Daß der Frieden, den sie im Sinn hatten, von Boenisch um den Begriff der Freiheit angereichert worden war, brachte sie nicht zum Lachen. Einige waren nun genauso empört, wie die CDU-Kreise des Hauses es schon vorher gewesen waren. Sie hatten Boenisch bereits nach der Ankündigung der Wecker-Aktion aufgefordert, nach den „Rädelsführern“ zu suchen und sie zu disziplinieren.

Das Bundespresseamt ist eine Behörde sui generis. Seine Mitarbeiter haben die meiste Erfahrung in Regierungswechseln, sie sind im politischen Überleben am härtesten trainiert und um Tricks im Innenverkehr am wenigsten verlegen. Zu diesem Ruf hat vor allem auch die inoffizielle Funktion des Amtes als „Witwensitz“ jener Beamten beigetragen, für die ein stilles Eckchen zum Überwintern gefunden werden muß, sobald die Regierung wechselt. In diese Kategorie gehört seit dem 6. März auch Michael Bürsch, der ehemalige persönliche Referent von Klaus Bölling und von Kurt Becker, zwei Vorgängern von Peter Boenisch.

Weil bei dem jungenhaften Michael Bürsch nicht nur die Parteicouleur bekannt war, sondern auch seine berufliche Kompetenz und sein Know-how in Organisationsfragen, die die Spitze des Amtes betreffen, hatte Boenisch ihn um schriftliche Vorschläge zur Reorganisation gebeten – frei nach der Devise der Profis: „Mir ist egal, was einer für ein Parteibuch hat, Hauptsache, er kann was.“

Alle jene CDU-Mitarbeiter, die dreizehn magere Jahre von ihrer Beförderung geträumt hatten, reagierten mit blankem Unverständnis. Ihr Groll kannte keine Grenzen mehr, als Peter Boenisch den persönlichen Referenten, den er vorgefunden hatte, ablöste und durch einen seiner Wahl ersetzte. Leider war auch er SPD-Mitglied. Die Sache diente dem Frieden auch deshalb wenig, weil jeder weiß, daß Peter Boenisch auch einen fähigen Mann von der CDU genommen hätte – wäre ihm denn einer präsentiert worden.

Die Aufregung über seine Eigenmächtigkeiten war so groß, daß Peter Boenisch die Wecker-Aktion von ÖTV und SPD sehr zupaß gekommen sein muß: Endlich konnte er dem Apparat zeigen, daß er auch „richtige“ Flaggen hissen kann.

Nina Grunenberg