Von Gabriele Wohmann

Den weitverbreiteten Wunsch, eines Tages – und zwar nach den Lebensaltern für größere Ereignisse – mit einem autobiographischen Buch aufzutrumpfen, erfüllen sich Personen, die zuvor ohne die Literatur prominent wurden. Warum nur? Das Auftauchen aus der beängstigenden Namenlosigkeit, gedrängt, als bemerkenswert und einmalig sich zu behaupten, ist doch schon gelungen – im Fall der Juliette Greco zusätzlich durch einen intellektuellen, existenzialistischen Abglanz ihrer Clique und ihrer Ära, also über ihre Profession als Chansonette hinaus.

Es hat ihr trotzdem nicht genügt. Vergangenes Renommee – zurück damit! Aufschreiben. War nicht alles furchtbar interessant, so wichtig, kribbelnd, lohnend?

In der Wiedergabe kommt es herunter. Es offenbart sich der Irrtum – genauso weitverbreitet wie der Schreibwunsch – abenteuerliche Lebensfakten oder, wie bei Juliette Gréco, berühmte Bekannte würden schon helfen, Seite um Seite mit Erzählstoff zu füllen. Das spannende Leben garantiere das spannende Buch. „Vieles geschieht, indem nichts geschieht“, heißt es bei Schiller. Indem, verhältnismäßig, vieles geschieht, während Juliette Grecos Werdegang, geschieht, in der Darstellung und durch sie vermittelt, nichts. Ich kenne viele Leute – meistens Frauen – die mit ganz ähnlichem Ergebnis ihre Enttäuschungen, Bitterkeiten, Glücksgefühle, Liebesversuche schildern könnten, vom selben Mitteilungstrieb gesteuert, besorgt um diese Grabesstille zu Lebzeiten, welche den Anonymen zusetzt.

Das Schreiben wird immer für den bequemsten Weg zum Publikum gehalten. Glückliche Nichtschriftsteller, denke ich oft, und weiß, daß ich mich irre, denn das als Glücksspender weit überschätzte Bücherschreiben bleibt die fixe Idee vom Idealen. Es zeugt gewiß von Unternehmungsgeist, überhaupt sich aufzuraffen und seine Gedanken zu sammeln und dieses Wunschziel-Buch zu schreiben; aber mehr und mehr, bei Blick in ähnliche Proben der Existenzvergewisserung, finde ich diejenigen Leute am allerintelligentesten, die gar nicht erst schreiben wollen, nie und nimmer.

Offenbar fand Juliette Greco es doch ein wenig zu ruhig in ihrem „Refugium“ genannten Landsitz, und sie bekam Lust, von den vergangenen Turbulenzen zu berichten. Sie muß dann aber selbst gespürt haben, daß es ermüdend ist, so viel Material zusammenzuscharren und zu beteuern, beinah alle Entertainment-Stars und viele Schriftsteller gekannt zu haben, in beinah allen einschlägigen Nachtlokalen beinah aller Länder, die dafür in Frage kommen, aufgetreten zu sein, und gegen Ende der enthusiasmierten Benennungsvehemenz rafft dieser Rapport, erschöpft von der Faktenflut, nur noch Namen, Stationen, Filmtitel. In der Phalanx, gebildet von Fritz Lang und Mel Ferrer, Jacques Prévert und Françoise Sagan und so weiter, werden die Prominenten einander recht ähnlich – weil Juliette Greco nur die „Talentierten“, „Charmanten“, „Eleganten“ führt – die Epitheta dienen als Schrumpfmerkmale, kleine parfümierte Paßkontrollkennzeichen.

Im Wust summarischer Dankbarkeiten an die Adresse derer, die sie kannte, verschwindet Juliette Grecos privates Leben, dessen sie sich zum Beispiel so erinnert: „Die Männer? Welche? Also gut: Diejenigen, die ihrem Körper näher waren als ihrem Herzen, hat Greco zum Kochen gebracht und den Schaum, sofern einer da war, sorgfältig abgeschöpft.“