Von Dieter E. Zimmer

Dies Buch ist ein Hammer. Will sagen: seit langem habe ich keinen Roman, schon gar keinen „Erstling“ gelesen, der so kraftvoll und so eigenständig zupackte, auch keinen, hinter dem ein so gefährdeter Autor sichtbar wurde.

Es ist ein Roman, der die Frage, ob er in seinen Details gut oder schlecht, gekonnt oder unbeholfen ist, zu einer Lächerlichkeit verblassen läßt, die ihr eigentlich nicht zukäme. Denn hier geht es ganz augenscheinlich um mehr als Literatur, hier schreibt jemand um sein Leben – wörtlich: „Wie, bitteschön, geht das Leben?“ –, nämlich um eine Möglichkeit des Weiterlebens zu finden.

Ich möchte diesen Sachverhalt nicht beweihräuchern. Er hat auch etwas Perfides: Der Leser wird zum Zuschauer einer tiefen persönlichen Krise gemacht, die sich ihm immer zwingender entfaltet, so daß er den Blick immer weniger abwenden kann – und gleichzeitig muß er sich immer stärker für den genußvollen Voyeursschauder schämen, der ihn in seiner zur Zeit geruhsameren Sitzposition bei solch einem Anblick befällt. Alles, was er dazu sagen möchte, bekommt leicht einen unerträglichen Tonfall, etwa wie: Bravo, gut gelitten, herrlich rotes Blut, da capo!

Dem kann man sich nur entziehen, wenn man sich vor Augen hält, daß die Krise des Autors eine nicht nur persönliche Sache ist und das Buch schließlich Kein Seufzer, kein Hilfeschrei, kein „Dokument“, sondern ein Roman, das heißt etwas Gearbeitetes, Objektivierendes, Distanzierendes, mit dem man sich also auch auf einer weniger unmittelbar persönlichen Ebene treffen kann. Die Rede ist von Rainald Goetz: „Irre“.

Zu lesen begonnen habe ich mit größtem Mißtrauen. Literat & Wahnsinn: das läßt Ärgstes und Ärgerlichstes befürchten. Zumindest eine ätzende Anklage der „unmenschlichen Psychiatrie“, vorgetragen im schneidendsten Brustton der Moral, der selbstverständlich ganz genau weiß, wie die menschliche Psychiatrie auszusehen hätte oder daß gar keine die beste wäre.

Vielleicht auch eine Poetisierung des Wahnsinns: Welch schöne traurige Gedichte sie doch schreiben, die Schizophrenen, siehe Leo Navratil, was für befremdlich anrührende Bilder sie malen, siehe Prinzhorn!