Von Walther Stützle

Durchhalteparolen und Formelkunststücke können es nicht verdecken: die nukleare Abschreckungsphilosophie steckt in einer tiefen politisch-moralischen Krise, gerade in der Bundesrepublik. Die Zweifel sind spürbar gewachsen, ob die herkömmliche Politik einer Sicherheit gegeneinander und voreinander nicht schließlich doch nur mehr Rüstung zeitigt; ob Gleichgewichtsdoktrin nicht in Wahrheit zu immerwährendem Rüstungswettlauf führt – Rüstungsbegrenzung oder gar Rüstungsverminderung immer unwahrscheinlicher werden, Krieg hingegen wieder möglich. Erhard Eppler gehört zu jenen, die frühzeitig ausgezogen sind, um für die Ausbreitung des Zweifels zu fechten. Sein Buch ist eine mit spitzer Feder geschriebene Streitschrift vor allem gegen den Nato-Doppelbeschluß beziehungsweise das, was Eppler dafür hält.

Die Verzweiflung, mit der dieses ehemalige Mitglied der Bonner Kabinettrunde, ein Kenner der politischen Maschinerie also, gegen die Produkte der Realpolitik anrennt, kann nicht einfach mit dem Hinweis auf Michael Kohlhaas abgetan werden. Wer diese Verzweiflung nachzuempfinden versucht, sich zumindest aber von ihr anrühren läßt, wird feinfühliger gegenüber der begründeten Sorge über eine seit Jahren zum phantasielosen Expertenkauderwelsch geronnene Rüstungspolitik der Bonner Diplomatie. Und für die ganz aktuelle Forderung der Sowjetunion, die britischen und französischen Nuklearsysteme im Ost-West-Kräfteverhältnis mitzuzählen, könnte Eppler heute sogar den christdemokratischen Regierenden von Berlin, Richard von Weizsäcker, als Zeugen aufrufen. Wer wollte außerdem bestreiten, daß der Trend zu immer genaueren Atomwaffen die Hauptfunktion dieser Waffen gefährlich aushöhlen konnte: Ihr Dasein soll den Krieg zum kalkuliert untragbaren Risiko, den politisch ausgehandelten Kompromiß hingegen zur einzig vernünftigen Lösung machen. Auch kann schwerlich geleugnet werden, daß ein seit Präsident Reagans Amtsübernahme besonders laut gewordenes Stimmengewirr in Washington natürlich Zitate für die Behauptung liefert, Amerika verfolge eine nukleare Abscnreckungspolitik, die auf den erfochtenen Sieg setze beziehungsweise die Fähigkeit dazu.

Entsetzlich ärgerlich ist aber, daß Eppler nun gerade die vorwurfsvolle Hauptthese, Washington versuche „perfekte Sicherheit zu errüsten“, was die sicherste Methode sei „sich und die anderen umzubringen“, völlig unzureichend belegt. Ein gewisser Colin S. Gray muß als Kronzeuge herhalten. Zugegeben: Gray hat schon manch abschreckende Formulierung in Sachen Strategie produziert. Bei Eppler ist manche davon nachzulesen. Nur: just diese Neigung hat bewirkt, daß er entgegen Epplers Meinung eben in keine einflußreiche Beraterfunktion gelangt ist. So ist erstaunlich, daß Eppler die Gewißheit, mit der er seine Analyse anbietet, nicht besser zu fundieren weiß. Sollte ein ehemaliger Bundesminister wirklich nicht wissen, an wen er sich in der urdemokratischen Stimmenvielfalt Amerikas zu halten hat? Weder bei Präsident Reagan noch bei Verteidigungsminister Weinberger finden sich Belege für Epplers These.

Schade auch, daß er zwischen der „Sicherheit der Europäer“ und der „Handlungsfähigkeit der Amerikaner“ einen Gegensatz sieht – anders herum wird ein Schuh daraus, wie sich aus der geschichtlich gewordenen Wirklichkeit im Nachkriegseuropa leicht begründen läßt. Ist Kennedys mutiger Einsatz für Berlin schon vergessen? Nein, hier wird mit Eifer versucht nachzuweisen, Washingtons Sicherheitspolitik sei für uns zu riskant, wir aber merkten es nicht – allen voran Helmut Schmidt. Dessen Eintreten für den Nato-Doppelbeschluß – von Eppler belegt mit einem fehlerhaft nachgedruckten Schmidt-Interview (S. 73ff) – enthüllt zugleich eine weitere erstaunliche Schwäche in Epplers Plädoyer: Anders als Schmidt stellt er nicht die wichtige Frage nach den politischen Gründen, die den Kreml zur unleugbar überzogenen Rüstung, auch mit SS-20-Raketen, getrieben haben. Und anders als der ehemalige Kanzler mißversteht Eppler auch die im Atlantischen Bündnis verabredete Strategie zu gründlich, daß ihm eine sachgerechte Einordnung etwa der Pershing II unmöglich wird. Wie sonst ist zu erklären, daß er die Pershing II ablehnt, weil sie der SS-20 „nie gefährlich werden kann“ (S. 78). Als ob das ihre Aufgabe wäre. Im Gegenteil: Sie soll vom Einsatz sowjetischer Mittelstreckenwaffen abhalten, nicht aber sie militärisch ausschalten. Natürlich ist jedermann frei, dieses sicherheitspolitische und militärstrategische Kalkül nicht zu teilen, dann aber ist eine entsprechend fundierte Strategie-Kritik vonnöten, und nicht Polemik gegen eine Waffe, die von ihr hervorgebracht worden ist. Epplers Stichwort: Enthauptungswaffe ist technisch abwegig und politisch wenig hilfreich.

Aber Eppler hadert nicht nur mit ehemaligen Weggefährten wie Schmidt oder auch Bahr; er ist auchuneins mit der moralisch-politischen Position der Kirche in Sachen Frieden. Selbst ein eindrucksvoll engagierter Kirchenmann, kehrt er sich von der evangelischen Friedensdenkschrift aus dem Jahre 1981 ab. Dort heißt es, „daß es für einen Frieden in Freiheit weder durch atomare Rüstung noch durch den Verzicht auf sie eine Garantie gibt“. Eppler kündigt diesen versöhnlichen Konsens ausdrücklich auf (S. 137). Heißt das, wer ihm nicht folgt, ist in seinen Augen vor Gott nicht mehr gerechtfertigt? Gerade für junge Mitchristen, die er politisch zu gewinnen trachtet, hätte Eppler spätestens hier mehr intellektuelles Futter bieten müssen als die nur angedeutete Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Der Hinweis, man müsse schon wissen „wohin man gehört, in welchem System man lieber leben, arbeiten, sich für Veränderungen engagieren will“, reicht einfach nicht aus. Und wer die heutige Politik so gründlich verwirft, muß eine Alternative bieten, für die sich zu engagieren lohnt. Hier aber deutet Eppler nur an, kommt über interessante Einzelaspekte nicht hinaus, zum Beispiel die positive Wirkung einer ökonomischen und ökologischen Zusammenarbeit. Auf der Suche nach einer neuen Politik für den Frieden, die auch Freiheit verbürgt, wird man also weiterlesen müssen. Epplers Buch macht dies verdienstvoll deutlich.