Ost-Berlin

Ende September veranstaltete das Neue Deutschland seinen 30. Wandertag. Seit 1969 gibt es ihn, jeweils im Februar und September. Diesmal war auch die Kinderzeitschrift Frist dabei und wie immer Berliner Wandervereine, Start war am Teufelssee, in der Nähe des Ostberliner Müggelsees im Bezirk Köpenick. Ein Leierkastenmann in Zylinder und dunklem Anzug dudelte „Komm Karlineken, komm Karlineken, komm“. Hunderte von Menschen standen herum, fast alle in Gruppen. Dauernd wurden Neuankömmlinge von schon Wartenden jubelnd begrüßt. Ich fühlte mich ziemlich alleine, trotz des mitgeführten Hundes. Es wurden Wanderhefte verteilt mit der Route und ein Zettel für Namen, Alter, Anschrift und Antworten, die an sechs Kontrollpunkten zu geben waren.

Feierlich wurde der 50 000. ND-Wanderer begrüßt. Er war mit der „Lenin“-Brigade gekommen, vom VEB Kabelwerke Oberspree. „Das ist extra so gemacht“, sagte die Frau im grünen Mantel neben mir, die zu einer Gruppe gleichaltriger Frauen gehörte. „Meist sind das hier Familien oder private Wandergruppen. Wir sind schon das drittemal dabei. Wir wohnen in einem Haus zusammen.“ Dankbar für die Ansprache schloß ich mich ihnen an. Wohin man sah: eifrig laufende Menschen. Doch schon bald bildeten sich Grüppchen, manche waren schneller, andere blieben zurück. Ich heftete mich den älteren Frauen an die Fersen und zu uns stieß ein thüringisches Ehepaar mit vierjährigem Sohn Philip.

Am ersten Kontrollpunkt, auf einem Hügel, war zu beantworten, wie das Neubaugebiet nordwestlich von Köpenick heißt. „Ist es hier richtig nach Halle?“ fragte einer auf sächsisch einem vom Hügel Absteigenden. „Ja“, sagte der wortkarg, „Na wunderbar! Einwandfrei. – Bemühungen, locker und lustig zu erscheinen.

Weil wir eine Asphaltstraße meiden wollten, verliefen wir uns. Ein zweites Ehepaar überholte uns. „Geradeaus!“ sagte der Vater. „Nach rechts“, sagte sein dreizehnjähriger Sohn Arne. Die Mutter im schwarzen Trainingsanzug und der siebenjährige Oliver hielten sich mit ihrer Meinung zurück. Wir liefen durch schönen, dichten Wald. „Das da ist eine Birke und das da eine Buche und das da eine Kiefer“, erklärte uns Oliver. Beim Wandern kamen wir alle ins Gespräch, über den Hund, über die Kinder, über den Weg. Die Namen der Kinder hörte ich von den Eltern. Wie diese der ßen, erfuhr ich bis zum Ende nicht.

Schließlich wies uns ein einsamer Spaziergänger den richtigen Weg. Bald liefen wir wieder im Riesenpulk der Sonntagswanderer. „Eigentlich war das Verlaufen schön“, meinte die junge Thüringerin, „da waren wir so schön allein, und alles war so ruhig.“

Oliver hatte inzwischen stolz die Führung meines Hundes übernommen und erzählte mir leutselig von seinem Schwimmkurs in der Schule und daß er auch gern einen Hund hätte, sie wüßten aber nicht, wo sie ihn lassen sollten, wenn sie verreisten. Sein Vater, ein richtiger Berliner, erklärte mir sehr engagiert, wie man Pilze in sauer einlegt, und wo ich die besten Hallimasch finden könnte.