Von Heinz Josef Herbort

Eigentlich haben sie genug damit zu tun, sich auf das Fis zu konzentrieren, daß es sauber und schön klingt und zum exakt richtigen Zeitpunkt kommt. Wer es nicht als Naturtalent beherrscht, muß es einmal, zehnmal, zehntausendmal mit Üben versuchen. Vielleicht liegt es an diesem weitabgewandten Streß, daß Musiker ein etwas gebrochenes Verhältnis besitzen zur Reflexion ihres Tuns und der damit zusammenhängenden wie konfrontierten Umstände, neudeutsch: des Bewußtseins und der Sachzwänge.

Wobei ein Dilemma hinzukommt: Fis ist nicht beschreibbar, und alle unsere Versuche, musikalische Phänomene darzustellen, bleiben an dieser Unbeschreibbarkeit hängen. Die Strukturen können analysiert, alle Parameter definiert, sämtliche Abläufe in eine digitale Computersprache übersetzt und damit reproduzierbar gemacht werden. Nur: wie es klingt, läßt sich nicht mitteilen.

Einer der wenigen Musiker, die etwas über ihre Kunst wie ihr eigenes Tun und Denken sagen können und auch etwas zu sagen haben, ist der amerikanische Komponist, Dirigent, Pianist, Fernseh-Moderator und Philosoph Leonard Bernstein. Er hat 1959/61 seine „Freude an der Musik“ beschrieben, 1962/69 seine Texte zur Einführung in das „Konzert für junge Leute“ veröffentlicht, 1966/68 seine Gedanken über „Die unendliche Vielfalt der Musik“ zwischen Jazz und Brahms, Rhythmus und Romantik mit Analysen von Beethoven, Brahms, Dvorak und Tschaikowskij verknüpft, hat schließlich 1976/79 seine Vorlesungen am Harvard-Lehrstuhl für Poetik (1973) gebündelt und darin „Musik – die offene Frage“ mit einem schlichten aber bestimmten „Ja“ beantwortet. Jetzt erschienen von ihm –

Leonard Bernstein: „Erkenntnisse“, aus dem Amerikanischen von Peter Weiser; Albrecht Knaus Verlag, Hamburg, 1983; 294 S., 31 Abb., 34,– DM

eine Anthologie aus Aufsätzen und Ansprachen, Zeitschriften-Artikeln und Grabreden, Danksagungen und Fernseh-Moderationen.

Der amerikanische Original-Titel mag noch präziser sein: „Findings“ – Entdeckungen, Funde, Befund, Ermittlungsergebnis, Urteil. Um „Beobachtungen aus 50 Jahren“ handelt es sich. Fünfzig?