In der milden Herbstsonne eines badischen Septembervormittags sagte Franz Alt Dinge, die mich erschütterten. Er legte Ängste in mir frei, von denen ich nichts wußte. Er beschwor den Irrsinn des nuklearen Wettrüstens und den atomaren Holocaust. Er führte mich an einen furchtbaren Abgrund heran – und riß mich zurück. Durch seine Gedanken zur Nachrüstung.

Michael Jeannée, „Bild am Sonntag“, 9. Oktober 1983

Friedenspreis für Sperber

„Das Unglück, begabt zu sein“ – so der Untertitel eines seiner Bücher – ereilte ihn früh: Schon 1926, also mit 21 Jahren, publizierte Manès Sperber seine Studie über Alfred Adler, ein Jahr vor seinem Eintritt in die KP; das war dann auch die Trennung von dem Begründer der Individualpsychologie, der Sperber gleichwohl treu blieb, wenn ihn von nun an auch Denker wie Marx und Freud, Nietzsche und Dostojewski beeinflußten. Der Bruch mit dem Kommunismus (1937 unter dem Eindruck der Stalinprozesse) wurde für den mit Koestler und Malraux befreundeten Schriftsteller ein Lebensthema. Schon früh hatte er gesagt „Wir wünschten nicht, die Macht im Staate auszuüben, sondern Staat und Macht überflüssig zu machen.“ Der Abschied von der Illusion prägte sein Werk, das deutlich getragen ist von einem Ton der Resignation, gar Skepsis: „Mir ist’s, als hätte ich schon in früher Jugend begriffen, daß jeder Bruch, daß das Ende der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, das Zunichtewerden einer Freundschaft oder einer Liebe Etappen unseres Sterbens sind.“ Ob in Romanen wie „Der verbrannte Dornbusch“ und „Wie eine Träne im Ozean“ oder in den drei Bänden seiner Erinnerungen: des jüdischen Antifaschisten, Emigranten und Widerstandskämpfers Menschlichkeit und Integrität, seine un-wütige, leise-kämpferische Leidenschaft ist die „Unruhe“ für ein Lebenswerk, das am 16. Oktober, zum Abschluß der Frankfurter Buchmesse, mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wird.

Berlin Alexanderplatz

Erst wenn man nicht mehr über ihn redet, sei ein Mensch wirklich gestorben, sagte Howard Hawks. Seit Fassbinder tot ist, wird über sein bewegtes Leben zu viel geredet und von seinem bewegenden Werk zu wenig gezeigt. Jetzt gibt es eine lange Nacht der langen Schatten, die der „Meister“ warf. Das Theater am Turm in Frankfurt zeigt in einer Sonderveranstaltung zur Buchmesse die komplette 14teilige WDR-Serie in einer 16mm-Fassung von „Berlin Alexanderplatz“, die Serie als einen Film. Beginn Samstag, den 15. 10. 1983 um 18 Uhr, Ende Sonntag, den 16. 10. 1983 gegen 11 Uhr. Mit Pausen und Buffet. Rauchen gestattet. Bitte Kissen mitbringen, empfiehlt die Direktion. Und: unermüdliche Neugier.

Journalistenpoesie: Hintertreppe

Es gibt, wie schön, eine neue Kulturzeitschrift. Es kann gar nicht zu viele davon geben. Die neue heißt „hintertreppe – Kulturzeitschrift für Hamburg“ und legt nun schon ihr zweites Heft vor. Man findet darin das „Schwerpunktthema Lyrik“, eine Anti-Bestseller-Liste, man findet Theater- und Literaturkritiken. Die Mitarbeiter gehen, wie es sich für ein neues, junges Blatt gehört, gleich kräftig-kritisch zur Sache. Etwa so (über Noeltes „Michael Kramer“): „Ich will den Bewohnern von Oberwilflecken nicht zu nahe treten, aber ich denke, selbst sie hätten Noelte mit ihren Mistgabeln aus dem Bauerntheater gejagt.“ Gut gebrüllt, Mäuschen! Nun aber folgt das Positive. Ein Autor namens *** (ist es der bekannte FAZ-Mitarbeiter?) macht sich wahrhaft grundlegende Gedanken über das Schwerpunktthema: „Dichtung, wie alle Kunst, fordert den Leser zu geistiger Eigentätigkeit heraus ... Sofern Dichtung nicht gelesen, also über das Auge aufgenommen wird, sondern gehört wird, ist das Aufnahmeorgan das Ohr.“ Das mußte einmal in dieser Deutlichkeit gesagt werden. Einem, der sich Urian nennt, fällt zu Friederike Mayröckers Gedichten dieses ein: „Der ideale Leser dieser Lyrik müßte aus der Zeit geraten sein. Wiederkehrende Wendungen, die Variationsketten einzelner Worte binden die Texte zu Kreisen zusammen. Die Glieder verschiedener Assoziationsketten verweben sich zu einem, der Kontur des betrachteten Gegenstandes sich anschmiegenden Netz, deren Luftmaschen etlichen Spielraum lassen, um mit dem eigenen Kopf darin herumzutauchen.“ Und der Lyriker Paul Kernen inspiriert seinen „hintertreppen“-Interpreten Michael Wichert zur Metapher des Jahres: „Aber diese Haken und Ösen schmälern in keiner Weise den Genuß, ganz im Gegenteil, erst durch sie spürt der Leser die Creme der darauffolgenden Texte sich im Munde wohlig ausbreiten.“ Kurzum: die „hintertreppe“ (mit dem Schwerpunktthema Schwachsinn) ist jeden der dreihundert Pfennige wert, die sie kostet.