Wenn Marc Rich der US-Justiz gehorcht, macht er sich in der Schweiz strafbar

Von Fredy Haemmerli

Als die amerikanischen Steuerbehörden im April des vorigen Jahres ein Verfahren gegen die Marc-Ricn-Gruppe eröffneten, schien sich die Akte kaum von ein paar Dutzend ähnlichen Fällen zu unterscheiden: Mit Verstößen gegen das Preiskontroll-Gesetz nach der Erdölkrise von 1973/74 verdienten sich größte und kleinste Ölgesellschaften eine goldene Nase. Gewinnverschiebungen ins steuergünstige Ausland sind den Amerikanern auch nichts Unbekanntes. Die Bahamas, Bermudas und Cayman Islands, traditionelle Horte amerikanischer Steuerflüchtlinge, liegen nur wenige Flugminuten von der eigenen Küste entfernt.

Brav lieferte die New Yorker Marc-Rich-Tochter die verlangten Geschäftsunterlagen – rund 200 000 Dokumente. Zwei Koffer mit weiteren Papieren holten die Justizbehörden auf dem John-F.-Kennedy-Flughafen aus einer startklaren Swissair-Maschine, die auf die Abflugerlaubnis in die Schweiz wartete. Einer raschen Lösung des Falles schien nichts im Wege zu stehen. Eine saftige Buße, vielleicht eine bedingte Gefängnisstrafe für die beiden Hauptangeklagten Marc Rich und seinen Kompagnon Pincus Green – und dann Schwamm drüber. Daran hätten auch die nachträglich entdeckten, illegalen Geschäfte mit dem von den USA während der Teheraner Geiselaffäre boykottierten Iran kaum etwas geändert.

Wenn, ja wenn die amerikanischen Untersuchungsbehörden nicht auf die Idee gekommen wären, auch vom Rechtssitz der Marc-Rich-Gruppe im schweizerischen Steuerparadies Zug die Herausgabe von Akten zu verlangen, um ihre Anklagepunkte zu vervollständigen. Eine Buße von täglich 50 000 Dollar (130 000 Mark) zwang den laut Fortune zweitgrößten Rohstoffhändler der Welt (vor allem Öl, Zinn und Getreide) zwar nach ein paar Wochen standhafter Weigerung in die Knie. Die gewonnene Schlacht entpuppte sich jedoch als Pyrrhus-Sieg. Statt an einer einzigen hatten die amerikanischen Justizbehörden nun plötzlich an zwei Fronten zu kämpfen: gegen ihre beiden Staatsangehörigen Rich und Green und gegen die Schweiz.

Wilhelm Teils Erben

Die eidgenössischen Behörden sahen im amerikanischen Begehren einen massiven Angriff auf ihre Souveränität. Und in diesem Punkt reagieren die Tellsöhne empfindlich. Seit sie vor 668 Jahren mit Morgenstern und Hellebarde die Habsburger aus ihren Alpen vertrieben haben, sitzt die Abscheu vor fremden Vögten und Richtern tief im Innern des „einig Volk von Brüdern“ (Schiller, „Wilhelm Teil“). Die Schmach napoleonischer Fremdherrschaft ist bis heute nicht vergessen, obwohl sie fast zweihundert Jahre zurückliegt.