Klaus Barthelt, der Vorstandsvorsitzende der Kraftwerk Union (KWU) fand es „schon einigermaßen bedrückend“, obwohl er nach eigenem Eingeständnis „auf einiges Traurige“ gefaßt war. Diese unguten Gefühle beschlichen den KWU-Chef bei der Besichtigung eines Kraftwerks, das durch Volksabstimmung in einen Dornröschenschlaf versetzt wurde und nun des Prinzen harrt, der es wieder beleben soll.

Die Rede ist natürlich von jenem Kernkraftwerk in Österreich, das offiziell Gemeinschaftskraftwerk Tullnerfeld heißt, bei uns aber unter dem Namen Zwentendorf besser bekannt ist. Dieses siebenhundert-MW-Kraftwerk, vom Siemens-Konzern gebaut und etwa 1,3 Milliarden Mark teuer, war 1978 auf dem besten Wege, den Betrieb aufzunehmen, als den damaligen österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky der Teufel ritt.

Wohl zur Vermeidung von Glaubenskriegen um die Kernkraft, wie sie damals in der Bundesrepublik tobten, setzte er eine Volksabstimmung an. Dabei ließ er keinen Zweifel daran aufkommen, daß er, Bruno Kreisky, für die Inbetriebnahme von Zwentendorf sei. Er machte aus der Volksabstimmung sogar eine Art Vertrauensfrage und deutete an, er werde zurücktreten, wenn das Votum negativ ausfallen sollte.

Bis heute sind die Österreicher davon überzeugt, daß es ohne Kreiskys Junktim ein Ja zu Zwentendorf gegeben hätte. Aber so witterten die Wähler eine Chance, Kreisky eins auszuwischen – am 5. November 1978 stimmten bei einer Wählerbeteiligung von 64 Prozent zu 50,5 Prozent mit Nein.

Seitdem ist Zwentendorf das einzige Kraftwerk der Welt das, wie Geschäftsführer Friedrich Staudinger sagt, Strom verbraucht, statt Strom zu erzeugen. Die Anlage ist nämlich inzwischen konserviert worden. Das bedeutet, daß ein Großteil der Armaturen ausgebaut und eingemottet ist, das heißt auch, daß die Rohrleitungssysteme zum Schutz vor Korrosion regelmäßig mit vorgewärmter Luft beschickt werden. Jährlich entstehen so „Betriebskosten“ in Höhe von fast zehn Millionen Mark.

Das ist freilich nur der kleinere Teil des Schadens. Die Betreibergesellschaft, die je zur Hälfte der staatlichen Verbundgesellschaft und sieben Landeselektrizitätsgesellschaften gehört, rechnet vor, daß im Jahr mindestens 170 Millionen Mark für die Verzinsung des eingesetzten Kapitals und für die Kostendifferenz zu teurerem Ersatzstrom angesetzt werden müssen. Es soll Berechnungen geben, die sogar zu einem doppelt so hohen Betrag kommen.

Mit dem Ersatzstrom ist das allerdings so eine Sache. Denn das eigentliche Ersatzkraftwerk für Zwentendorf ist noch im Bau – in Sichtweite des Reaktorgebäudes entsteht das Kohlekraftwerk Dürnrohr, dessen zwei Blöcke zusammen etwa soviel leisten sollen wie Zwentendorf. Der erste Block wird Ende 1987 den Betrieb aufnehmen. Trotz eines günstigen Kohlenvertrags mit Polen – die Tonne soll frei Kraftwerk etwa 180 Mark kosten (in der Bundesrepublik zahlen Kohlekraftwerke rund 250 Mark) – rechnet man mit Stromerzeugungskosten von etwa 14 Pfennig je Kilowattstunde; Zwentendorf hätte es für acht Pfennig gemacht.