Die deutsche Wirtschaft wartet noch darauf, die Autoverkäufer aber haben ihn: den Aufschwung. Während die Interpreten noch darüber streiten, ob der bescheidene Zuwachs der gesamtwirtschaftlichen Leistung mit dem Terminus „leichter Belebung“ angemessen beschrieben ist, gibt es für die Autoindustrie keine Sprachprobleme: Zweistellige Zuwachsraten bei den Neuzulassungen sind – jenseits aller Interpretationen – nur mit „Aufschwung“ richtig benannt.

Für den Arbeitsmarkt aber ist damit nichts gewonnen. Denn neue Arbeitsplätze wird die Autoindustrie in den nächsten Jahren – unabhängig von all den günstigen Verkaufszahlen – kaum schaffen, im Gegenteil. Opel will bis 1988 zwischen zehn- und zwölftausend Arbeitsplätze streichen (siehe auch Seite 27 „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“).

VW möchte bis 1987 rund dreizehntausend Beschäftigte weniger haben als noch vor einem Jahr. Und auch dort, wo bisher neue Arbeitsplätze eingerichtet worden sind, wird jetzt nur noch konsolidiert: Die VW-Tochter Audi und Daimler-Benz wollen in Zukunft mit der gleichen Belegschaft mehr Autos bauen. Lediglich BMW will auch über die Mitte der 80er Jahre hinaus neue Arbeitsplätze schaffen. Insgesamt aber werden bis dahin knapp zwanzigtausend Stellen in dieser Branche verschwunden sein – mehr als beim krisengeschüttelten Stahlkonzern Arbed derzeit zur Disposition stehen.

Wenn es also noch eines Beweises bedurft hätte, hier ist er. Auch ein Wachstum bringt die Arbeitslosen nicht von der Straße. Zwar wird selbst bei den Autofirmen, die Arbeitsplätze streichen wollen, versichert, daß Entlassungen nicht geplant sind. Freiwerdende Arbeitsplätze werden lediglich nicht mehr besetzt, außerdem wird älteren Mitarbeitern ein vorzeitiger Ruhestand angeboten. Diese Arbeitsplatz-Sicherheit ist aber nur für die Auto-Werker ein Trost, der deutschen Volkswirtschaft nützt sie wenig. Sie hilft nicht den über zwei Millionen Menschen, die eine Beschäftigung suchen; und sie hilft nicht den jungen Leuten, die neu in das Arbeitsleben einsteigen wollen.

Wer weiter auf einen Aufschwung wartet und nichts tut, vergeudet also wertvolle Zeit. Denn Automatisierung und Rationalisierung fressen selbst dort Arbeitsplätze, wo das Geschäft blüht.

Die Beschwörung eines Aufschwungs reicht darum nicht, um die Arbeitsuchenden wieder in Lohn und Brot zu setzen. Selbst wenn im nächsten Jahr die deutsche Wirtschaft etwas stärker auf Touren kommen sollte, müßten allenfalls die Arbeitbesitzenden nicht mehr so sehr um ihre Arbeitsplätze fürchten. Die Arbeitsuchenden aber blieben weiter ohne Hoffnung.

Ihnen kann nur geholfen werden, wenn der Strukturwandel der Wirtschaft durch eine Wende in der Arbeitsorganisation aufgefangen wird. Politiker, Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen bereit sein, die Arbeit anders zu verteilen.