Von Theo Somme

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Helsinki, Ende Oktober

Langsam biegt ein schwarzer Saab von der Katharinenstraße in die Alexanderstraße ein – ein Wagen jener schwedischen Marke, die finnische Patrioten bevorzugen, da sie im Lande gebaut wird. Neben dem Fahrer sitzt Dr. Mauno Koivisto, Finnlands Staatspräsident seit Januar vorigen Jahres. Sonst: kein Sicherheitsbegleiter, keine Motorradeskorte – nichts Auffälliges, nichts Aufwendiges. Von Spektakulärem halten die Finnen nicht viel. Sie pflegen ihr Idyll.

Wie er die Lage des Landes sieht? Jan-Magnus Jansson, Chefredakteur des angesehenen Hufvudstadsbladet, hebt die rechte Hand in die Höhe wie zum Schwur: „Optimistisch, fast überoptimistisch“. Und Max Jakobson, der als Diplomat weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt geworden ist und einmal beinahe Generalsekretär der Vereinten Nationen geworden wäre, wenn die Sowjets nicht ihr Veto gegen ihn eingelegt hätten, pointiert: „Im großen und ganzen ist Finnland ein langweiliges Land geworden – und das ist gut so“.

In der Tat haben die Finnen Anlaß zur Zufriedenheit. Innenpolitisch herrscht Ruhe, Kabinettskrisen sind fast schon eine ferne Erinnerung, auch gibt es weniger Streiks als ehedem; vor allem aber hat der Übergang aus der Kekkonen-Ära, dem viele bänglich entgegengesehen hatten, nicht die geringsten Schwierigkeiten bereitet, ökonomisch geht es dem Fünf-Millionen-Volk besser als den meisten Industriedemokratien des Westens: Die Weltwirtschaftskrise kam später und fiel glimpflicher aus als anderswo. Außenpolitisch machen sich die Finnen zwar Sorgen über den allgemeinen Zustand des Ost-West-Verhältnisses, den sie in ihrer geographischen Zwischenlage stets besonders feinfühlig registrieren, aber spezifische Probleme haben sie nicht, schon gar nicht mit dem mächtigen Nachbarn im Osten.

Am meisten sind die Finnen selber überrascht, daß sich die Ablösung ihres Präsidenten Urho Kekkonen so reibungslos vollzogen hat. Als der greise Zentrumspolitiker merkte, daß seine Arterienverkalkung rapide fortschritt, nahm er noch einige wenige offizielle Termine wahr, dann ließ er sich krank schreiben und zog sich zurück. Sein Nachfolger, der Sozialdemokrat Koivisto, mehrmals Ministerpräsident und zuletzt Gouverneur der Notenbank, wurde mit überraschender Mehrheit gewählt. Die Russen hätten zwar lieber einen anderen Kekkonen-Nachfolger gesehen, aber im Herbst des Breschnjew-Regimes hatten sie nicht die Kraft, irgendwelchen Druck auszuüben, selbst wenn sie dies gewollt hätten. Es stellte sich auch bald heraus, daß Koivisto nicht daran dachte, an der außenpolitischen Linie zu rütteln, die sein Vorgänger Kekkonen und dessen Vorgänger festgelegt hatten.