Von Rolf Michaelis

Sind wir auch im richtigen Theater? Wann zuletzt waren wir im Hamburger Thalia so gebannt durch ein schönes, schwieriges Stück, eine genaue, geduldige Inszenierung, durch Schauspieler, die ein als „Erlösungs-Drama“, als „Mysterienspiel“ gefürchtetes Stück mit einer Komödien-Leichtigkeit vorstellen und doch in jedem Augenblick dem Zuschauer die Frage aufdrängen, die gleich im ersten Bild gestellt wird: „Was hat das bloß zu bedeuten?“

Nach einem ersten, noch tastenden Versuch mit Ernst Barlach, mit dem „Armen Vetter“ (1919) vor zwei Jahren am selben Haus, gelingt Michael Gruner mit seiner Inszenierung des „Blauen Boll“ (1926) etwas Seltenes und – blickt man auf die Verlegenheit unserer Theater vor Barlach – Außerordentliches: Ein als Gottsucher und niederdeutscher Spökenkieker belächelter Künstler wird als ernster und ernst zu nehmender Dramatiker vorgestellt. Hat Barlach nicht ein Jahr nach der Uraufführung des „Blauen Boll“, zu Recht, geklagt: „Welcher Teufel reitet die Theaterleiter, daß sie aus meinen Dramen nur Oratorien und Mysterien machen wollen, statt unterhaltende Stücke“?

Die drei unterhaltenden Stunden beginnen bei Gruner mit der ersten Minute. Uwe Oelkers läßt den gotischen Backsteindom aus geschwärztem Ruß- und Regen-Rot fast direkt an der Rampe aufragen. Erdrückend drängt die Turmfassade, von der wir nur den (die ganze Breite der Bühne füllenden) Grundstock mit dem gewaltigen Bronze-Portal sehen, in den Zuschauerraum. Nur einmal öffnet sich die Bühne in eine schmale, von der Domfassade begrenzte, von Sternen überglitzerte Gasse: in der Nacht-Szene des vierten Bildes. Dann herrscht wirklich Dunkel über und in dem mecklenburgischen Landstädtchen Sternberg.

Gruner und sein Bühnenbauer Oelkers schaffen Nacht aber auch am Tag. So eng rücken die Mauern aufeinander, daß die Menschen geduckt an ihnen entlangschleichen. Fast alle Szenen werden an die Rampe gedrückt, ins Relief geholt – und haben doch, trotz der Enge, unheimliche Tiefe. Tiefe und Weite werden noch rätselhafter durch fahles Licht, das in gespenstischen Schneisen auf die Szene fällt. Dazu rückt Gruner Leute nebeneinander, die im Leben einander gar nicht nahestehen, und läßt vertraute Menschen, die einander fremd werden, Abstand suchen.

Auf den zu einer engen Gasse vor dem Domportal geschrumpften Marktplatz tritt ein Paar: der Gutsbesitzer Kurt Boll, den sie wegen seiner Neigung zu Rotspon, der ihm bei Kurzatmigkeit das Gesicht blau anlaufen läßt, den „blauen Boll“ nennen, und seine Frau Martha. Die beiden haben sich stadtfein gemacht. Man will einkaufen, Geschäftliches erledigen.

Gruner läßt das Spiel ganz ruhig beginnen, mit realistischem Behagen. Im braunen Mantel und Hut, im dunklen Sonntagsanzug stapft der mächtige Boll durch die Gassen, die schmale Frau im taubengrauen Ausgeh-Staat einen halben Schritt hinter ihm.