Wie und warum Kreta die Keimzelle unserer Kultur wurde

Von Rudolf Walter Leonhardt

Wer in auf Kreta landet, möchte am liebsten gleich wieder starten. Griechenland ist sehr schön in den Dörfern und auf den kleinen Inseln. Die großen Städte, samt Athen, sind, milde gesagt, enttäuschend.

Beim Flughafen von Heraklion fängt es gleich schlecht an und hört dann am Ende der Reise auch schlecht auf. Weder das Gebäude noch sein Personal sind dem Ansturm der zwischen April und Oktober charterschubweise Ankommenden und Abreisenden gewachsen. So kommt es zu Warteschlangen, die bis zu ihrer Auflösung eine Stunde, auch zwei Stunden brauchen; und das bei Temperaturen von etwa vierzig Grad inmitten von Dreck, Qualm und Schweiß.

Nun hat ja Kreta in der Geschichte des Fliegens von Anfang an einen schlechten Namen. Wer griechische Sagen kennt, erinnert sich des Ingenieurs Dädalus, dem Kretas König Minos so viel zu verdanken hatte, daß er ihn gar nicht wieder ziehen lassen wollte. Dädalus aber fügte mit Hilfe des heimischen Werkstoffs Bienenwachs Vogelfedern zusammen zu mächtigen Schwingen, mit denen er die allzu gastliche Insel fliegend verlassen konnte. Sein Sohn Ikarus jedoch flog übermütig wie ein junger Pilot, wollte hoch hinaus und kam dadurch der Sonne zu nahe; das Wachs schmolz, die Flügel fielen auseinander, Ikarus stürzte ab.

Da trieb es Zeus mit unser aller Stamm-Mutter Europa wo nicht behutsamer, so doch gescheiter. Zunächst wählte er, von Kleinasien kommend, die für sein Reiseziel richtige Verkleidung: Er wollte nach Kreta, also kam er als Stier. Als Stier hatte er die phoenizische Königstochter verlockt, sich auf seinen Rücken zu setzen, und dann nichts wie ab durchs Meer.

Schwimmend erreichte er die Südküste Kretas an der bezaubernden kleinen Höhlen-Bucht von Matala, die in den siebziger Jahren zum Paradies für Hippies aus aller Welt wurde.