Von Julius H. Schoeps

Gewalt und individueller Terror sind aus unserer Welt nicht mehr hinwegzudenken. Fast jeder Tag bringt gewaltsame Proteste, Mordanschläge, Bombenattentate. Was dabei nachdenklich stimmt, ist die Tatsache, daß dies nicht irgendwo, sondern auch hier passiert, in Gesellschaften also, die relativ gut funktionierende parlamentarische Systeme besitzen. Kaum ein westlicher Industriestaat, der es nicht mit diesem Phänomen zu tun hätte. Sozial und politisch motivierte Gewalt und politischer Terror haben eine lange Tradition. Die verschiedenen Beiträge in dem Sammelband von

Wolfgang J. Mommsen / Gerhard Hirschfeld (Hrsg.): „Sozialprotest, Gewalt, Terror. Gewaltanwendung durch politische und gesellschaftliche Randgruppen im 19. und 20. Jahrhundert“, Klett-Cotta, Stuttgart 1982; 476 S. 88,- DM

informieren anschaulich über jene Gruppen und Bewegungen, die Gewalt als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele eingesetzt haben und im Widerspruch zur etablierten Staatsgewalt standen oder noch stehen. Ob es die Ludditen im England des frühen 19. Jahrhunderts sind, die Partei der Narodnaja Volja im zaristischen Rußland, Anarchisten im Deutschen Kaiserreich, Freikorpskämpfer in der Weimarer Republik oder Angehörige regionaler Autonomiebewegungen in der Bretagne, auf Korsika oder in Norairland – ihnen allen ist in der Regel gemeinsam, daß sie Gruppen oder Individuen am Rande der Gesellschaft sind, die nicht davor zurückschrecken, der jeweiligen Mehrheit ihre Vorstellungen aufzuzwingen, ja sogar bereit sind, Bomben zu werfen und zu töten. Widersprüchlich ist denn auch das Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihnen macht. Sind sie nun Desperados und Kriminelle? Oder sind es Kämpfer für eine gerechte Sache? Es ist schwierig zu entscheiden. Ganz offensichtlich kommt es auf den Standpunkt an, darauf wie die Beweggründe einer Tat eingeschätzt, ob der Einsatz und Gebrauch von Gewalt gutgeheißen werden können oder nicht.

Die Praxis nichtlegaler Gewalt findet zumeist Anwendung in politischen und gesellschaftlichen Konfliktsituationen oder in Phasen geistigen Umbruchs. Der historische Hintergrund kann jeweils ein anderer sein, ähnlich sind sich dabei nur die ideologischen Rechtfertigungsmuster – gleichgültig welche politische Ausrichtung eine terroristische Gruppierung oder Bewegung hat. Sie alle gehorchen einem „gesinnungsreligiösen Muster gesellschaftlichen Orientierung“ (Wolfgang J. Mommsen), das sie gegen pragmatische Erwägungen weitgehend immun werden läßt. Der Glaube an die Gerechtigkeit der eigenen Sache, der zu Methoden des individuellen Terrors greifen läßt, ist der ausschlaggebende Grund, warum solche Gruppen in ihrer Binnenstruktur und in ihrer Binnenmoral vielfach religiösen Sekten gleichen. Abgeschottet gegen die Umwelt, einem konspirativen Verhaltenskodex unterworfen, wird der Gruppenzusammenhalt bestimmt durch Bindung, Gehorsam und gegenseitige Kontrolle.

Was das für Folgen haben kann, läßt sich an Beispielen deutlich machen wie dem Hungerstreik von IRA-Häftlingen, der dem Zweck diente, die englische Regierung zum Nachgeben in ihrer Nordirlandpolitik zu zwingen, oder dem kollektiv verübten Selbstmord von Angehörigen der RAF, den diese vermutlich als ultima ratio ihres Protestes gegen die verhaßte Gesellschaftsordnung verstanden wissen wollten. In beiden Fällen ist klar erkennbar, daß die Gruppenidentität das Verhalten der Gruppenmitglieder bestimmte – bis hin zu der Entscheidung, das eigene Leben für die gemeinsame politische Sache zu geben. Gewalt und Terror gehen aber nicht nur von gesellschaftlichen Randgruppen aus. Vielfach sind es auch Staaten, die das innen zustehende und von ihnen beanspruchte Gewaltmonopol mißbrauchen. Der Essener Sozialhistoriker

Dirk Blasius: „Geschichte der politischen Kriminalität in Deutschland (1800-1980). Eine Studie zu Justiz und Staatsverbrechen“, Edition Suhrkamp NF Bd. 1242, Frankfurt am Main 1983; 160 S., 12,– DM