Von Helmut Schödel

Ich sehe mich als Schatzsucher und gehe es wie ein Abenteurer an. Sage mir: in Cannes gibt es die Goldene Palme, in Berlin den Bären, in Hof, wo es nichts zu gewinnen gibt, vielleicht einen verborgenen Schatz. Am Fahrkartenschalter des Münchner Hauptbahnhofs spiele ich mit den Centstücken in meiner Trenchcoat-Tasche und lasse meine sonst leider etwas zu hohe Stimme dunkel knarzen: „Dorado, one way“. – „Was?“ – „Hof einfach.“

So hätte die Anreise sein sollen. In Wahrheit war ich mit dem Auto da. Aber dann habe ich bei den „17. Internationalen Hofer Filmtagen“ doch etwas gefunden: „Dorado (one way)“. Das ist der Titel einer Abschlußarbeit an der Berliner Filmhochschule. Wenn ich es noch einmal mit knarzender Stimme sagen darf: super. Ein Film, der noch keinen Verleih hat, aber sofort in die Kinos muß. Regie, Buch, Schnitt: Reinhard Münster.

So einer, der nicht dazu paßt und uns nicht so wichtig nimmt, hat uns schon lange gefehlt; einer, dessen Person nicht erst aufscheint, wenn das Licht ausgeht; der in Kreuzberg lebt, 28 ist, Bescheid weiß und trotzdem Komödien schreibt. Was die Generationen im Streit um die Kunst heute trennt, ist ihr Verhältnis zum Pathos. Die Älteren haben einfach zuviel davon (und offenbar nicht genug Aspirin). Hier ist einer von der Gegenseite, der noch zu wenig vertretenen Generation: Reinhard Münster, ein junger Komödien-Regisseur, der seinen Film mit einem Budget von 27 000 Mark und fast ausschließlich mit Schauspielern aus den freien Theatergruppen Berlins gedreht hat. Für mich die Entdeckung der Hofer Filmtage.

Der Tod des Hauptdarstellers ist die Rampe. Das lehrt uns Woody Allen in „Zelig“. Nie waren alle Augen so auf ihn gerichtet wie diesmal, weil er sich ständig verkleidet, hinter anderen versteckt, seine Hauptrolle kaschiert. Reinhard Münster spielt in seinem Film dieses Spiel noch radikaler zu Ende: Rita, die Protagonistin, ist fast nie da. Sie ist Schauspielerin und probt am Anfang eine Dreiecksgeschichte. Dann gerät sie selber in eine und verschwindet. So werden Frank, ihr Fehltritt, und Wolf, ihr Freund, zu Protagonisten: gefährliche Rollen, wie wir jetzt wissen. Die beiden haben keine Chance: alles läuft ab wie im Film. Auch das Leben ist ein Genrestück, so lange die alten Protagonisten es spielen. Für sie gelten die alten Legenden. Noch immer suchen sie das Gold in Cannes.

Die doppelte Dreiecksgeschichte, schwarzweiß, verwandelt sich in ein farbiges Road-Movie, das in einen Thriller mündet. Wolf und Frank sollen im Auftrag eines dubiosen Händlers Bilder, also die Kunst nach Cannes bringen. Das ist keine leichte Aufgabe: Je näher die beiden Cannes kommen, desto korrupter werden sie. Die Tour endet während der Filmfestspiele in einer fürchterlichen Schießerei. Wolf und Frank sind in Dorado, nahe am Schatz: die Goldene Palme wird verliehen. In Hof erzählt mir Reinhard Münster, daß sie den Schatz nicht filmen konnten, nicht einmal filmen durften, weil das Produktionsteam sich keinen Frack leisten konnte. Low budgets führen nicht nach Dorado – aber nach Hof. Fünf Tage im Jahr, während des Filmfestivals, kann das dasselbe sein.

In Kreuzberg liegt der Schatz jedenfalls auch nicht. Dort sitzt am Ende des Films, der jetzt wieder schwarzweiß ist, Wolf mit Ritas Kind in einem Hinterhof: „War ’ne ganz schöne Umstellung für uns, als der Kleine da war.“ Wolf wirkt müde. Rita scheint noch immer die Hauptperson in seinem Leben. Für uns bleibt von ihr der running gag ihrer Abwesenheit. Sie ist gerade in Italien.