Von Tom R. Schulz

Wer weiß, warum George Gruntz vor zwei Jahren ausgerechnet auf das wenig schöne Wort „Programmschiene“ gekommen ist, als er eine Bezeichnung für seine Konzeption des Jazzfests Berlin suchte. Dieser unglückliche Begriff zeigt die Grenzen der sinnvollen Verbildlichung der Sprache, denn die Metaphorik, die mit ihm zusammenhängt und derer sich die Presse und auch die Ansager („Wir fahren jetzt weiter auf der Indien-Schiene“) bedienten, ist albern und etwas so Lebendigem wie der Musik sicher nicht angemessen. Zur Rechtfertigung der „Schiene“ schreibt Gruntz im Programmheft zum Jazzfest: „Ich habe das Konzept der Schienen entworfen, ausgehend vom Bild des weltstädtischen Bahnhofs, wo sich die Schienen aus aller Welt kreuzen, überschneiden, treffen und wieder auseinanderlaufen.“ Das entbehrt nicht der (unfreiwilligen) Komik. Ein Bahnhof weniger weltstädtisch als der Bahnhof Zoo der Festivalstadt Berlin läßt sich kaum denken. Ganze vier Gleise werden befahren, Halle und Gebäude sind von trostloser Häßlichkeit.

Also Schienen. Wo die sich treffen, geht es kreuz und quer, auch mal drunter und drüber, sie setzen Rost an, werden vom Zahn der Zeit angenagt oder vom Gras überwuchert. Abstellgleise kommen ins Bild, Schwellen, Prellböcke. Manch einer denkt bei Schienen auch an Knochenbrüche, an Versehrung, an Mullbinden und Stützverbände.

Beim Jazzfest war das natürlich alles nicht so gemeint. Vielmehr signalisiert die Schiene so etwas wie eine künstlerische Ordnungsliebe: Bei aller Vielfalt des Programms sollen für das Publikum Strukturen erkennbar bleiben. In diesem Jahr teilten die Organisatoren das Festival in die vier Bereiche Indien, Black Music (Aspect Soul), Keyboards und Actualities auf. Mit etwas gutem Willen ließe sich in solch weit gestreute Sammelbegriffe wohl jede beliebige Musik einordnen. Man wird sogar den Verdacht nicht ganz los, daß dieses Konzept nicht die Arbeitsgrundlage, sondern vielmehr das nachträglich zum Programm erhobene Ergebnis einer recht willkürlichen Auswahl aus dem Angebot war.

Selbst dem gutwilligen Betrachter, der die Konzerte des Jazzfests ausnahmslos für das Resultat zielbewußten Auswählens hält, werden schlüssige Begründungen für die Notwendigkeit der „Indien-Schiene“ schwerfallen. Warum gerade Indien? Und wenn Indien, warum dann vorwiegend klassische indische Musik, die mit dem Jazz recht wenig zu tun hat? Was hat ein, zugegeben, außerordentlich virtuoser, zwölfjähriger Mandolinen-Spieler aus Südindien eine Viertelstunde nach Miles Davis und zehn Minuten vor Sun Ra auf der Bühne der Philharmonie zu suchen? Tut man der traditionellen indischen Musik und ihrem Verständnis in Europa tatsächlich einen Gefallen, wenn man sie so instinktlos plaziert? Wird da nicht ein Trend herbeigefeiert, der in der zeitgenössischen Jazzmusik zwar existiert, dies aber schon seit Jahren? Und es ist ja nicht die Synthese aus indischer Musik und afroamerikanischem Jazz, die etwa der Altsaxophonist Kadri Gopalnath mit seiner Gruppe spielt, sondern bloß die Umkehrung der immer wieder als Kulturimperialismus geschmähten Verwendung indischer Instrumente in der abendländischen Musik, ein Exotismus mit umgekehrtem Vorzeichen: Statt der Sitar in der psychedelischen, westlichen Popmusik intoniert hier das Altsaxophon eine indische Raga. So what? Wird das die Musikgeschichte vorantreiben?

Dies wird man allerdings von kaum einem Konzert des diesjährigen Jazzfests behaupten können. Zumindest im offiziellen Programm regierte der Durchschnitt, siegten das Bewährte und Bekannte über das Neue. Das Neue hat noch keinen Namen, es will sich bisher nicht in die griffige, schlagwortartige Dekaden-Einteilung der Jazzgeschichte, die ebenso hartnäckig bekämpft wie beibehalten wird, einfügen. Dort figurieren die siebziger Jahre mittlerweile als Jahrzehnt des Jazzrock, und was sich musikalisch nach dem Stillstand dieser Musik bewegt hat, hieß eine Zeitlang „No Wave“ oder „Punkjazz“ und traf doch immer nur einen kleinen Teil der aktuellen Jazzszene.

Es weiß keiner so recht, wo es heute langgeht. Die Verwirrung und Verlegenheit um benennbare, neue Tendenzen im Jazz war zumindest beim Publikum in Berlin deutlich zu spüren. Was sind das für Zeiten, in denen das Modern Jazz Quartet oder Miles Davis geradezu enthusiastisch gefeiert werden, nicht nur deshalb, weil beide hervorragende Musik spielen, sondern auch aus Mangel an Alternative, aus Ratlosigkeit dem anderen gegenüber, aus Überdruß an der Mittelmäßigkeit, die allerorten Einzug hält? In Berlin gab es ein Festival der Mediokrität, der Orientierungslosigkeit und der Langeweile.