Von Wilfried Kratz

Die Image-Pfleger des größten deutschen Versicherungskonzerns Allianz können über die Reaktionen in London nicht glücklich sein. Den Versuch der Münchner Assekuranten zur Erlangung der Kontrolle über Eagle Star, Nummer sechs oder sieben unter den britischen Versicherern, nennt man hier interessant und unkonventionell, aber auch – weniger höflich – frech, schlitzohrig und unvereinbar mit den Traditionen der City.

Im Gegensatz zu der eher beschaulichen deutschen Szene sind Übernahmekämpfe in Großbritannien an der Tagesordnung. Der Griff der Allianz nach dem Eagle Star (Adler Stern) ist jedoch auch für britische Verhältnisse etwas Besonderes. Einmal ist es dem Werte nach die bisher größte Übernahme in der Londoner City – wenn sie klappt. Das jetzige Allianz-Gebot bewertet die britische Firma mit 692 Millionen Pfund (2,7 Milliarden Mark). Zum anderen ist es höchst ungewöhnlich, daß sich ein deutsches Unternehmen auf diese Weise in die Arena begibt.

Wenn die Deutschen bisher Firmen kauften, was selten genug vorgekommen ist, dann geschah das in der Regel im gegenseitigen Einvernehmen. Davon kann diesmal keine Rede sein. Mehr noch: Die Münchner haben eine Methode gewählt, die nach der Erfahrung von John Hignett ohne Beispiel ist. Hignett müßte es wissen, denn er ist Generaldirektor des Pannel on takeovers and merers, jener freiwilligen Institution des Londoner Finanzmarkts, die über Fair Play bei Übernahmen und Fusionen wacht.

Die Allianz wollte eigentlich einen Zusammenprall vermeiden und alles gütlich regeln. Schon im August 1980 fühlten die Deutschen unter strenger Geheimhaltung bei Eagle Star vor und offerierten eine Kooperation. Sir Denis Mountain, Vorsitzender des Vorstands und die beherrschende Figur in der Gesellschaft, war aber nicht beeindruckt. Er sah „keine Vorteile für Aktionäre von Eagle Star“, jedoch solche für die Allianz.

Die Münchner freilich, die zuvor mit der sehr viel größeren Commercial Union eine Kooperation versucht, aber wieder aufgegeben hatten, wollten partout eine starke Präsenz im britischen Markt haben und ließen sich von Mountains „Nein“ nicht entmutigen. Am Morgen des 1. Juni 1981 stürzten sich auf ihr Geheiß die Börsenmakler Rowe & Pitman mit einem Angebot von 290 Pence (gut elf Mark) für die Aktie (55 Pence mehr als der Schlußkurs des Vortags) in den Markt und kauften in wenigen Minuten 14,9 Prozent des Aktienkapitals von Eagle Star auf.

An dieser Grenze mußte der Stoßtrupp den „Überfall im Morgengrauen“ nach den Regeln der City erst einmal abbrechen, um dem Vorstand des Opfers und den Aktionären Zeit zum Nachdenken und zu einer Reaktion zu geben. Am selben Tag schob Allianz ein Angebot nach, um die Beteiligung zum gleichen Preis auf 29,99 Prozent zu bringen, die Schwelle „effektiver Kontrolle“, die man nur überschreiten kann, wenn man ein Angebot für alle Aktien macht. Trotz Mountains heftiger Gegenwehr brachte die Allianz so etwas mehr als 28 Prozent des Eagle-Star-Kapitals an sich.