Indiens Wäldern droht die Abholzung

Von Gabriele Venzky

Wer erinnert sich nicht an das Dschungelbuch und Mowgli, den Wolfsjungen, der die Sprache der Tiere versteht und mit ihnen umgeht wie kein anderer Mensch. Als Mowgli erwachsen wird, trifft er. eines Tages in seinem Wald, einen „gigantischen Deutschen“ namens Müller. Der „war Haupt und König der gesamten Wälder und Forsten Indiens, Oberforstmeister von Birma bis Bombay... Er war der leibhaftige Schrecken aller Amtsstellen, aber als Forstmann hatte er nicht seinesgleichen.“ So schildert ihn der Autor des Dschungelbuches, der spätere Nobelpreisträger Rudyard Kipling.

Müller, der gleich das Besondere an Mowgli erkennt, heuert den Waldmenschen sofort als Waldhüter, an. Er blickte also „Mowgli scharf an und redete wieder in der Landessprache: Das aber sei Deine Aufgabe – nicht mehr umherzustreifen im Rukh und Tiere zur Kurzweil oder zur Schau zu treiben, sondern in den Dienst zu treten unter mir, der für Wälder und Forsten die Regierung

Für Mowgli bedeutete dies, Ziegen zu verjagen, die sich über Neuanpflanzungen hermachen, den Wildbestand zu regulieren und vor allem, Waldbrände zu verhüten.

Diesen „gigantischen Deutschen“ hat es tatsächlich gegeben. Allerdings hieß er nicht Müller, sondern Dietrich Brandis, stammte aus Bonn und war nicht nur der Begründer der indischen Forstwirtschaft, sondern der tropischen Forstwirtschaft überhaupt. Daß sich die britischen Kolonialherren 1862 ausgerechnet einen Deutschen holten, damit er ihnen, in Indien die Forstwirtschaft einführte, ist ungewöhnlich, Aber sie waren mit ihrem Generalforstinspektor so zufrieden, daß sie ihn zwei Jahrzehnte behielten und ihn dann mit einer anständigen Pension und einem Adelstitel in den Ruhestand schickten.

Dabei war er für die Engländer alles andere als bequemgewesen. Denn er hatte sich der bis dahin und nach ihm wieder geltenden Praxis widersetzt, die Wälder nach geliehen und für einträgliche Summen abzuholzen Vielmehr setzte er Gesetze durch, die die Grundlagen für eine systematische Bewirtschaftung und damit Erhaltung der Wälder bildeten. „Die Bevölkerungszunahme erfordert eine gute, Forstwirtschaft“, hatte Brandis schon vor hundert Jahren erkannt.