Hamburg

Natürlich weiß ich: Wenn ich einen Artikel abliefere, muß die Redaktion ihn manchmal kürzen. Weil der Platz nicht ausreicht; oder weil der Redakteur findet, ich hätte mich umschweifig ausgedrückt. Reicht die Zeit, schickt man mir den so „redigierten“ Artikel zur Genehmigung. Aber wenn das Dienstagnacht passiert, ein paar Stunden vor Redaktionsschluß ... Da kann ich Pech haben. Mancher Autor klagt dann bitter, sein Artikel sei „verstümmelt“ worden.

Das passiert natürlich auch im Fernsehen. Da schickt der Leiter einer Magazinsendung mehrere Mitarbeiter los mit Leuten zu sprechen, die etwas zum Thema sagen könnten. Sie haben das Kamerateam schon dabei (meist drei Leute); Frage und Antwort werden gleich, aus dem Stand, aufgenommen; für Journalisten und Befragte nicht einfach; korrigieren kann man nicht.

Also unterhält man sich vor der Kamera zehn Minuten, auch wenn fünf nur für die Sendung gebraucht werden. Im Studio wird’s dann halbiert. Dabei ist uns, dem ZDF und mir, bei der Sendung Kennzeichen D am 27. Oktober um 21.20 Uhr ein Malheur passiert.

In Berlin begann am 25. Oktober der Strafprozeß gegen den Journalisten Benny Härlin. Er sei, meint die Staatsanwaltschaft, verantwortlich für die in der Berliner Szene einst sehr geschätzte Zeitschrift radikal. Die hätte für eine terroristische Vereinigung geworben, strafbar nach Paragraph 129a Strafgesetzbuch. Geworben dadurch, daß radikal sogenannte Bekennerbriefe von terroristischen Vereinigungen abgedruckt habe. Einwand von Härlin: Die Presse darf nicht nur, sie muß auch über terroristische Vereinigungen und darüber, was sie tun, berichten, also auch Bekennerbriefe abdrucken. Außerdem bestreitet Härlin eine Mitwirkung bei radikal. Das Gericht wird sich schwer tun, ihm das Gegenteil zu beweisen.

Antwort des Staatsanwalts: radikal hat nicht berichtet, sondern – durch das Quantum der Abdrucke und den begleitenden Text – die sich ihrer Taten rühmenden oder ihre gelegentlichen Mißerfolge bedauernden Absender in ihren strafbaren Absichten bestärkt.

Die Journalistin des ZDF, die mich über den Fall Härlin einvernahm, wollte nun wissen: Leidet das politische Klima in Berlin unter der Verfolgung eines jungen Mannes, der auf jedermann sympathisch wirkt, als gemäßigt und deshalb gar bei den Militanten der Hausbesetzer als Verräter gilt? In der Tat: Der Prozeß tut dem Berliner Klima weh. Das habe ich in die Kamera gesagt, und so wurde es gesendet.