„Alles stinkt nach Geld“

Ankara / Istanbul, Ende Oktober

Ein Lautsprecherwagen rast durch das ärmliche Kaie-Viertel von Ankara. Auf dem Dach hockt ein schwarzer Hahn aus Blech – das Symbol der „Partei der Nationalistischen Demokratie“. Alle paar Meter kräht das Ungetüm. Politische Ansprachen „aus dem fahrenden Auto“ hat der Nationale Sicherheitsrat den drei zur Wahl am 6. November zugelassenen Parteien verboten.

Die Wahlwerber werfen gleich packenweise Flugblätter auf die Straße. Doch niemand bückt sich – die zum Markt schlendernden Passanten wenden nicht einmal den Kopf. Nach ein paar Minuten lesen Kinder die Flugschriften auf und tragen sie zu den Marktständen. Papier ist teuer – auf den unbedruckten Rückseiten können die Händler ihre Rechnungen schreiben.

Samstag letzter Woche. Die Junta begeht den sechzigsten Jahrestag der türkischen Republik. Soldaten prägen das Bild in den Straßen. Sie sollen für die Feierlichkeiten eine politisch unbedenkliche Kulisse abgeben. Präsident Kenan Evren hat all jenen, „die an die bösartigen Vorwürfe der Anarchisten glauben“, empfohlen, in die Türkei zu reisen, die Wahlen zu beobachten und mit dem „türkischen Volk zu sprechen“. Für den Vormittag lädt er die Journalisten – außergewöhnliche Ehre – zu einem Empfang. Fragen dürfen sie allerdings nicht stellen, lediglich photographieren. Ihnen ist nur vergönnt, von einer kleinen Tribüne zuzuschauen, wie die Würdenträger des Regimes dem im Cut erschienenen Staatsoberhaupt Reverenz erweisen.

Momentaufnahmen aus der Türkei, eine Woche vor den ersten Parlamentswahlen seit dem Militärputsch von 1980 und ein Jahr nach der Volksabstimmung, durch die sich Putschistengeneral Evren zum Präsidenten küren ließ.

Wenn der Präsident schon nicht redet, was sagt das Volk? Abends im großen Restaurant. Der Kellner hat gerade „Lüfer auf Kiremit“, einen auf heißem Ziegelstein servierten Fisch aufgetragen, und der Raki hat die Zungen gelöst, da mahnt einer in der Runde: „Bitte vergessen Sie nicht, Ihren Artikel psychologisch geschickt zu schreiben, sonst kriegen wir fünf Jahre oder mehr.“ Paragraph 140 des Strafgesetzbuches droht mindestens fünf Jahre Gefängnis all jenen an, deren „falsche, übertriebene und absichtlich irreführende“ Äußerungen dazu beitragen, das „Ansehen und den Einfluß des Staates im Ausland zu diskreditieren“.