Von Hansjakob Stehle

Nur nach einer überreichlichen Mahlzeit bringen viele Menschen heute noch das Wort über die Lippen: Ich habe gesündigt ... So bedauerte der Kölner Kardinal Höffner den Verfall von Schuldbewußtsein und Beichtpraxis, mit dem sich jetzt vier Wochen lang über 200 Bischöfe der katholischen Kirche in Rom beschäftigten. Zum öffentlichen Seelen-Striptease, zur Pseudo-Beichte seien ja viele Leute – sogar in den Massenmedien – durchaus bereit, meinte der deutsche Kardinal im Gespräch. „Warum also nicht auch zum heilenden Bekenntnis?“ Ein Weihbischof aus New York, Austin Vaughan, hatte eine Antwort zur Hand, die den Beichtstuhl im Gruselkabinett des atheistischen Museums von Leningrad schmücken könnte: „Die Furcht, in die Hölle zu fahren, ist verblaßt.“ Und leider, so klagte der wackere Amerikaner, spiegle sich das auch in den Dokumenten dieser römischen Synode.

Die hat es sich in der Tat nicht so leicht gemacht, sondern die ganze Bandbreite menschlichen (auch kirchlichen) Versagens ausgeleuchtet, von den privaten bis zu den politischen Höllen, die Menschen sich selbst und anderen bereiten. Der Ruf zur Umkehr, kirchlich „Buße und Versöhnung“ genannt, den diese Bischöfe aus allen Erdteilen erhoben, klang freilich vielstimmig und dürfte es dem Papst schwermachen, in den nächsten Monaten aus ihrem mühsam erarbeiteten, unveröffentlichten Thesenpapieren („propositiones“) einförmige praktische Schlüsse zu ziehen.

Denn in der Synodenaula des Vatikans, wo Johannes Paul II. als stummer Zuhörer saß, tauschte man nicht so sehr salbungsvolle Moralpredigten aus, sondern redete freundlich Fraktur. Und mehr noch in den zwölf, nach Diskussions-Sprachen zusammengesetzten Arbeitskreisen. Bezeichnend für manchen Wandel in der römischen Kirche war, daß der kleinste (und unergiebigste) dieser „circuli minores“ der lateinische war: Da saßen nur fünf Bischöfe, darunter drei Kurienkardinäle, um den Tisch. Im 19köpfigen deutschsprachigen Zirkel hingegen, aus dem sehr kräftige Impulse kamen, diskutierten auch Kardinäle aus Brasilien, Korea und der Tschechoslowakei, Bischöfe aus Finnland, Polen, der DDR, Österreich, Ungarn und Jugoslawien, ja sogar ein Afrikaner.

Unter ihnen saß als einziger Laie, vom Papst selbst berufen, Albert Goerres aus München, Professor für Medizinische Psychologie und Psychotherapie, der gerade im Freiburger Herder-Verlag ein Buch über „Das Böse“ und die Wege zu seiner Bewältigung veröffentlicht hatte. Ein Katholik, doch ein kritischer (siehe Interview), dessen Mitwirkung bei der Debatte „wohltuend das humanwissenschaftliche Defizit der Kirche ausfüllte“ – so der Innsbrucker Bischof Stecher, der selbst eines der heißesten Eisen öffentlich anpackte: „An der bedauerlichen Gewissensverwirrung ist nicht ohne Schuld der fortdauernde Rigorismus in bestimmten Bereichen der sogenannten traditionellen Moraltheologie.“

Der Tiroler Oberhirte meinte vor allem die verbreitete Fixierung auf das Sexuelle, die grundsätzlich alles, was mit dem „sechsten Gebot“ zusammenhängt, als schwere Sünde darstelle – „eine Übertreibung, die zum extremen Laxismus und zur Gleichgültigkeit in unseren Tagen beigetragen hat“. Erleichtert fühlte sich der Bischof nach dieser Intervention (die ihm teils Applaus, teils Stirnrunzeln seiner Amtsbrüder eingetragen hatte), als ihm der Papst sagen ließ, jene „Übertreibung“ sei in der Tat nie die echte Lehre der Kirche gewesen. Kardinal Höffner bestätigte es sogar öffentlich: „Es ist grundfalsch, die Sexualmoral in den Vordergrund zu stellen.“

Einig war man sich, daß persönliche Schuld immer auch eine soziale Auswirkung hat – vom Kleinkrieg in einer Familie bis zum Weltkrieg zwischen den Machthungrigen – und daß christliche Versöhnung, „Entschuldigung“, nicht nur im katholischen Beichtstuhl stattfindet, den die große Mehrheit der Gläubigen aller Kontinente nicht mehr besucht. Nicht nur weil da allzu formalistische Praktiken nur langsam durch echte Gesprächsmöglichkeiten oder auch durch neue ansprechendere Riten abgelöst werden. Manche Bischöfe möchten überhaupt der – vielerorts schon geübten – Generalbeichte und Generalabsolution den Vorrang vor der Ohrenbeichte geben, ja diese sogar durch die neueren Versöhnungsriten ersetzen. Kardinal Ratzinger belehrte jedoch die Synode ganz amtlich, daß das Festhalten an der Ohrenbeichte zu den „unveränderlichen Normen“ gehöre. Es gibt Länder, wo sie aber aus Priestermangel gar nicht mehr möglich ist. Da seien dann „der seelsorglichen Phantasie nicht unbedingt Grenzen gesetzt“, räumte Ratzinger vorsichtig ein.