Am 21. Oktober 1440, einem Freitag, bekennt Gilles de Laval, Baron de Rais und Marschall von Frankreich, vor einer Kommission der Heiligen Inquisition unter dem Vorsitz des Erzbischofs von Nantes „freiwillig und frei heraus“, er habe „mit böser Absicht ausgeführt an zahllosen Kindern die Missetat, Sünde und das Delikt Totschlag und Sodomie“, habe weiter „sich hingegeben der Dämonenbeschwörung, der Menschenopfer und der Weihe an den Satan“. Tags darauf berichtet er in einem öffentlichen Gerichtsverfahren sogar über Einzelheiten dieser Greueltaten, auf welche Weise beispielsweise er und seine Kumpanen die Kinder töteten, wie sie sich an den Sterbenden sexuell vergingen, wie sie noch die Leichen schändeten und die Körper schließlich in Schwarzen Messen als Brandopfer darbrachten. Am 26. Oktober 1440 wurde Gilles de Rais, „Ketzer, Abtrünniger, Sodomist und Heiligtumsschänder“, zu Nantes gehängt, seine Leiche verbrannt.

1983 erscheint Gilles de Rais als Titelfigur einer Oper – „La Passion de Gilles“, soeben uraufgeführt in Brüssel. Päderastie und Sadismus, Nekrophilie und Okkultismus, Perversitäten aller Art als Gegenstand des Musiktheaters? Sind wir schon so weit heruntergekommen mit unserer Ästhetik?

Es gibt allerdings auch Stimmen, die davon berichten, wie der Baron seinen durch Erbschaft und kluge Heirat, darüber hinaus durch opportunes Paktieren in Kriegen erworbenen immensen Reichtum mäzenatisch wieder unters künstlerische Volk brachte, indem er sein Schloß mit Geschmack und Weitsicht ausmalen und ausstatten ließ und seinen Hof für die besten Musiker wie Literaten öffnete. Die gleichen-Stimmen verweisen auf eine beachtliche Menge an Verfahrensfehlern, unter denen das durch schreckliche Foltern erpreßte Geständnis vermutlich der gravierendste ist, sowie darauf, daß der Duke of Britanny ein erhebliches Interesse am (finanziellen) Ruin seines Widersachers Gilles haben mußte. England und Frankreich auf der Opernbühne – eine zeitversetzte Anspielung auf Großmachtpolitik heute, komponiert als Begleitmusik zu den Genfer Abrüstungsverhandlungen?

„Damit die Menschen zu urteilen aufhören“, überschreibt der Librettist Pierre Mertens die Anmerkungen zu seinem Text – es ist oft ein „Verurteilen“ daraus geworden, und zu oft eines, das auf falschen Voraussetzungen basierend zu einem Fehlurteil wurde. Wer sind die Peiniger, wer die Gepeinigten, wo beginnt in dieser Welt das Unmenschliche, das Unnatürliche, die Perversität?

Die dreiaktige „Passion de Gilles“ – Jeanne d’Arc und Gilles bei der Belagerung von Paris, sie verwundet, er desillusioniert/Gilles auf seinem Schloß während einer Schwarzen Messe mit dem Opfer eines Knaben/Tribunal mit den Eltern der Getöteten und Gilles Bekenntnis, Verurteilung, Schafott – pendelt zwischen Mallarmé und de Sade. Als dramatisch gesteigerte Lyrik könnte man den Duktus der fünfzehn Szenen bezeichnen, kurzer, aber kompakter Bilder, die eher Stationen beschreiben als Handlungen präsentieren, Stationen, an denen betrachtet wird, nachgedacht über Sinn und Ziel und Lust und Verantwortung. Keine politischen Anspielungen. Keine moralische Predigt. eher Anstöße, das Historische auf seine Überzeitlichkeit zu untersuchen.

Auch Philippe Boesmans Musik hat sich konsequent zwischen zwei große Vorbilder geklemmt: Debussys „Pelléas“ ist zu ahnen wie Ligetis „Grand Macabre“. Lyrik aber auch hier, in weiten Linien, die sich, vom Reihendenken herkommend, manchmal wollüstig gefährlich in die Nähe des Tonalen schieben, aber dann schnell wieder unter den scharfen, quälenden, schreienden, ihrer Brutalität süchtig machenden Tonballungen Schutz suchen. Humor auch hier, aber eben ein schwarzer Humor, einer mit Widerhaken; der Tritonus (drei Ganztöne), der diabolus in musica (das in der klassischen Harmonielehre „verbotenste“ Intervall) steht gleich zu Beginn „im Raum“, dreimal auf verschiedenen Stufen, erstellt er bereits eine halbe Zwölftonreihe und ist doch motivisch zweideutig.