Von Horst Bieber

Ein müder, erschrockener und erschütterter Fidel Castro trat vorige Woche vor die Hundertschaft ausländischer Journalisten in Havanna, um die amerikanische Invasion auf Grenada zu verurteilen. Die starken Worte fielen wie erwartet: „Verrat“ und „brutale Aggression“, „Banditentum“. Doch die Anklage geriet je länger, desto mehr zu einer Rechtfertigung. Havanna habe Bauarbeiter, technisches Personal und Militärberater auf die Karibik-Insel geschickt – auf grenadischen Wunsch. Havanna habe die Freunde und Genossen in St. George gebeten, ihre Differenzen friedlich beizulegen – vergeblich. Kuba habe die grenadischen Ersuchen um militärische Verstärkung abgelehnt und Washington mehrfach wissen lassen, daß weder die Souveränität des Inselstaats noch das Leben amerikanischer Staatsbürger gefährdet sei – alles umsonst.

Castro mag Grund zu dieser elegischen Verteidigung gehabt haben: Noch rund 750 Kubaner in der Hand der Invasionstruppen, und es besteht kein Zweifel, daß Kuba eine Niederlage erlitten hat. Es hat so lange vor dem imperialistischen und militärlüsternen Ronald Reagan gewarnt, daß nun, nachdem sich die Warnungen zum erstenmal erfüllt haben, Fidels Freunde besorgt fragen müssen, ob kubanische Helfer nicht amerikanische marines anziehen. Fast unbemerkt hat im grenadischen Trubel ein Staat bereits die Konsequenzen gezogen: Surinam reduzierte seine Beziehungen zu Kuba auf das diplomatische Mindestmaß.

In Nicaragua bereitet unterdessen die sandinistische Führung die Bevölkerung auf eine direkte amerikanische Invasion vor, unbeschadet aller Washingtoner Dementis. Selbst Castro schließt sie nicht aus. Er würde ja gerne helfen, erklärte er, aber es fehle an Schiffen und Flugzeugen, um Material und Mannschaften zu transportieren. Kuba auf dem Rückzug?

Reagan sieht das anders. Einen Tag nach Castros Konferenz trat der US-Präsident vor die Presse: „Grenada war nicht die paradiesische Touristen-Insel, wie man vorgab, sondern eine sowjetisch-kubanische Kolonie, die in eine Bastion verwandelt wurde, um die Revolution zu exportieren und die Demokratie zu unterminieren ... Wir sind zur rechten Zeit gekommen. Es ist ja kein Zufall, daß sich in dem Moment, in dem Gangster die Kontrolle über Grenada zu übernehmen versuchen, dreißig sowjetische (Militär-)Berater und Hunderte kubanischer Soldaten auf der Insel befanden.“ Kuba, der verlängerte militärische Arm der Sowjetunion?

Seit seinem Amtsantritt versucht Präsident Reagan, die Unruhen in Zentralamerika und der Karibik in das Schema des Ost-West-Konflikts zu pressen. Wo immer Schwierigkeiten auftauchen oder Kleinstaaten das westliche Lager verlassen, vermutet er einen zielstrebigen Kommunismus am Werk, der im Kreml seine Zentrale und in Havanna seine Handlanger hat. Kuba wird in dieser Sicht zu einem Moskauer Vasallen degradiert und die Dritte Welt in Gut und Böse aufgeteilt: Blockfreiheit oder ein „dritter Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus? Sie gelten als Masken vor dem Gesicht des Teufels. In Grenada hat Reagan nicht einen kommunistischen Stützpunkt zerschlagen – die winzige Insel war alles andere, aber nicht das. In Wahrheit hat er dem dritten Weg oder der dritten Position die Existenzberechtigung abgesprochen.

Für eben diese Position stand Kubas Außenpolitik seit Castros siegreicher Revolution von 1959. Allerdings: Die Raketen-Krise von 1962 hat Washingtons Blick nachhaltig getrübt. Daß die Vereinigten Staaten den nationalen Revolutionär durch eigene Fehlentscheidungen in das sozialistische Lager getrieben hatten, schien im nachhinein gerechtfertigt. Da schwammen ja die sowjetischen Frachter mit den atomaren Mittelstrecken-Raketen und bewiesen, daß sich Kuba vorbehaltlos dem östlichen Lager angeschlossen hatte. Daß sich Havanna und Moskau nach der Krise entzweiten, entging der amerikanischen Politik, weil dieser Zwist in der Tat nicht in das Grobraster Ost-West paßte. Und selbst das Jahrzehnt ost-westlicher Entspannung reichte nicht aus, die kubanische Sonderrolle zu erkennen oder gar anzuerkennen.