Von Joachim Nawrocki

Berlin,im November

Es war fast wie am Totalisator: Noch im Spätsommer wurde in Berlin jeder ungläubig angesehen, der nicht bereit war zu wetten, daß Richard von Weizsäcker der einzige und sichere Kandidat für die Bundespräsidentenwahl sein werde. Im Herbst schon sanken die Chancen dieses Kandidaten, Mitte Oktober standen sie bei 50:50.

Jeder Tag, um den Bundeskanzler Kohl die Entscheidung über die Nominierung des CDU-Kandidaten hinauszögerte, verringerte die Aussichten des Berliner Regierenden Bürgermeisters. Und jeder Tag, an dem von Weizsäcker dennoch an seinem Wunsch festhielt, von Berlin nach Bonn in das höhere Amt zu wechseln, schädigte sein Ansehen in der Stadt, nicht zuletzt in der Berliner CDU und in seinem eigenen Senat. Heute, so heißt es im Rathaus Schöneberg, liegt die Wahrscheinlichkeit, daß Weizsäcker doch noch gerufen wird, um in das Bundespräsidialamt umzusiedeln, „beinahe bei Null“ – auch wenn aus Bonn nun wieder zu hören ist, Weizsäcker habe eine Mehrheit des CDU-Präsidiums hinter sich gebracht, an der auch Kohl nicht vorbei käme.

Der Verdruß über dieses unglückselige Taktieren und Lavieren ist allenthalben groß. Richard von Weizsäcker und Helmut Kohl haben in der letzten Woche beim Fußball-Länderspiel Deutschland-Türkei zwar nebeneinander gesessen, aber kaum ein Wort miteinander gewechselt. An dem Zerwürfnis sind beide wohl nicht unschuldig. Helmut Kohl hat durch sein langes Zaudern eine Debatte ausufern lassen, die niemandem nützlich war. Und daß die Kandidatenauslese so auf dem offenen Markt ausgetragen wurde, das hat von Weizsäcker zumindest nicht ungern gesehen: Denn kein Kommentator hat ja bestritten, daß Berlins Regierender Bürgermeister objektiv der beste Mann fürs höchste Amt sei daß also alle übrigen Namen, die genannt wurden, erst an zweiter oder dritter Stelle rangierten.

Weniger angenehm waren Richard von Weizsäcker fraglos die kritischen Motivforschungen, die Fragen, warum ein Mann, der sich anfangs so sehr für Berlin verpflichtet gefühlt hatte – „Andere als Berliner Aufgaben wird es in meinem politischen Leben nicht geben“ –, nun unbedingt den politischen Acker Berlin verlassen will, bevor seine Saat wirklich Früchte trägt. Die Mutmaßungen reichten bis ins Private: Frau von Weizsäcker fühle sich in Berlin nicht wohl; oder Richard von Weizsäcker wolle endgültig aus dem Schatten des älteren Bruder Carl Friedrich treten, unter dem er wohl gelitten habe. Und in einem bissigen Kommentar des Berliner „Tagesspiegel“ hieß es am letzten Wochenende: „Er fürchtet, ... den Niederungen des politischen Alltags zu nahe zu bleiben; etwas wie Sehnsucht nach irdischer Entrückung spielt mit.“

Dabei meinen viele, die Richard von Weizsäcker in den letzten zweieinhalb Jahren aus der Nähe erlebt haben, daß er gerade im politischen Alltag erst seine wirkliche Aufgabe und Erfüllung gewonnen habe. Er habe alle überrascht, die ihn nur für einen hochgebildeten Redner gehalten hatten, und führe den Berliner Senat mit soviel Kompetenz, Souveränität und Präzision, daß niemand, auch der kleinere Koalitionspartner nicht, den Drang verspürt, sich auf Kosten anderer zu profilieren. Als Bundespräsident würde Weizsäcker vieles von dem, was jetzt seine Stärke ausmache, nicht mehr ausspielen können.