Otto Graf Lambsdorff: Noch halten Kabinett und Partei zu ihm

Von Dieter Piel

Seit Montag morgen liegt bei der Generalstaatsnwaltschaft am Reichensperger Platz in Köln Post, von der schon viele Monate im voraus gemunkelt worden ist, sie werde die christlich-liberale Bundesregierung sprengen und einem ihrer herausragenden Mitglieder den Kopf kosten. Doch seltsam: Seitdem die von dem Bonner Leitenden Oberstaatsanwalt Franz Bruno Eulencamp unterzeichnete „Abschlußverfügung“ gegen Otto Graf Lambsdorff und andere teils ehemalige, teils noch aktive Spitzenpolitiker und Topmanager nur noch der „Prüfung“ in Köln bedarf, seitdem auch ziemlich klar absehbar ist, daß insbesondere Lambsdorff, der Prominenteste von allen, spätestens in zwei Wochen der „Vorteilsannahme“ angeklagt wird – seitdem hat das Gemunkel fast aufgehört. Ist dies nur die oft beschriebene „Ruhe vor dem Sturm“, der zur Monatsmitte ausbrechen könnte?

Wohl kaum. Denn der Sturm dürfte ausbleiben. Zwar scheinen die Ermittlungen gegen den Bundeswirtschaftsminister so planmäßig in eine förmliche Anklage einzumünden, wie es die Öffentlichkeit nach den vielen Spekulationen erwarten konnte. Anders aber, als es in etlichen Regiebüchern vorgesehen sein mochte, verhalten sich Lambsdorff selber und die wichtigsten Personen seines politischen Umfelds.

Lambsdorff nämlich ist, nach Monaten hilflosen Schweigens gegen die Publikation von Akten, die er gar nicht kannte, nun seinerseits in die Offensive gegangen. Teils direkt von ihm und seinem Anwalt, teils auch aus verborgenen Quellen erfahren die Leser der Tageszeitungen seit ein paar Wochen offenbar Entlastendes über Lambsdorff, Zweifelhaftes über die Finanz-Praktiken des ermordeten früheren FDP-Schatzmeisters Heinz-Herbert Karry und Kompromittierendes über die Sorgfalt der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen.

Zuversichtlich und unentbehrlich

Was immer daran im einzelnen stimmen mag, so wird doch deutlich: Noch gibt sich Lambsdorff nicht geschlagen; er sieht seine Chancen für das Verfahren wie auch für seine politische Zukunft. Der Vorwurf der „Vorteilsannahme“ oder gar der passiven Bestechung, den langjährige Beobachter bei Lambsdorff sowenig übernehmen mochten wie etwa bei dem gleichfalls verdächtigten früheren Finanzminister Hans Matthöfer, muß nun erst einmal erhärtet – oder aber aufgegeben werden.