Vor vier Jahren erhielten die ZEIT als liberale und die Neue Zürcher Zeitung als konservative Zeitung den mit 100 000 Gulden dotierten Erasmus-Preis, der 1958 von Prinz Bernhard der Niederlande gestiftet worden ist. In diesem Jahr, in dem er zum 25. Mal verliehen wird, wurden in Amsterdam vier Persönlichkeiten ausgezeichnet: der wenige Tage zuvor verstorbene Raymond Aron sowie der Engländer Isaiah Berlin, der Pole Lee Kolakowski und die Französin Marguerite Yourcenar.

Prinz Bernhard ehrte die Preisträger in einer eindrucksvollen Rede.

Zu Lee Kolakowski: „Sie haben gesagt: ‚Wenn die jungen Generationen sich nicht unermüdlich gegen Traditionen aufgelehnt hätten, würden wir noch immer in Höhlen wohnen – wenn aber die Revolte gegen Tradition allgemein würde, dann wären wir am Ende bald wieder zurück in den Höhlen.‘ Und ich möchte hinzufügen: Ihr Werk führt uns die Gefahren vor Augen, die soziale Utopien heraufbeschwören, welche behaupten, den Schlüssel zur idealen Gesellschaft zu besitzen, und die dann leichten Herzens das Individuum diesem angeblich guten Zweck opfern.“

Zu Isaiah Berlin, Geschichtsphilosoph in Oxford: „In Ihren vielfältigen Studien zu Vico, Herder, Herzen, Machiavelli, Montesquieu und verschiedenen russischen Denkern haben Sie immer wieder darauf hingewiesen, daß monistische Ideen weder dem Begriff kultureller Vielfalt noch des Menschen Vitalität und Freiheit – also seiner Humanitas – gerecht werden.“

Zu Marguerite Yourcenar: „Ihre Beobachtungen, die in einem höheren Sinne ohne Vor-Urteil sind, richten sich gegen soziale, religiöse und moralische Dogmen. Sie fühlen sich hingezogen zu den heterodoxen, unkonventionellen Geistern und zu Leuten, die es wagen, gegen den Strom zu leben.“ Off.