Der Fußball hat eine sehr präzise Vorstellung von dem, was er für sein Geld will: einen möglichst runden, feinen Sieg der „eigenen“ Mannschaft. So gesehen war das Spiel der deutschen Nationalmannschaft im Berliner Olympia-Stadion nicht zu beanstanden. Denn nach dem 5:1-Sieg gegen die türkische Nationalmannschaft steht fest, daß Bundestrainer Jupp Derwall mit seinen Schützlingen die Endrunde der Europameisterschaft 1984 in Frankreich erreicht hat.

Er kann sich in den beiden noch ausstehenden Qualifikationsspielen (Heimspiele gegen Nordirland und Albanien) sogar noch eine knappe Niederlage erlauben. Seine Mannschaft würde dennoch das Ziel erreichen.

Nur, welche Mannschaft soll das sein? So hübsch sich auch immer das Resultat aus dem Berliner Spiel gegen die wackeren Türken ausmacht, bei dieser Frage beschleichen den Fußballfreund erhebliche Ängste, denn die Leistungen zwischen den ersten und den zweiten 45 Spielminuten, ohne daß Jupp Derwall das äußere Gesicht seiner Truppe verändert hatte (die Auswechslungen – Michael Rummenigge und Herget für Meier und Briegel – kamen erst, als das Spiel schon entschieden war), waren zu unterschiedlich. Mit anderen Worten: Jupp Derwall hat keine Mannschaft, auf die er bauen kann. Er hat nur ein Sammelsurium leistungswilliger, austauschbarer Spieler, das sich nach einer katastrophalen ersten Halbzeit im Berliner Olympia-Stadion an den eigenen Haaren aus dem Schlammassel zog.

Die herzergreifenden Unsicherheiten begannen schon – Torwart Schuhmacher ausgenommen – in der Abwehr. Der einst so kraftstrotzende Briegel verliert nicht nur in zunehmendem Maße die Übersicht, sondern – was bei ihm schlimmer ist – auch noch die meisten Zweikämpfe. Keine Sicherheit beim Bremer Verteidiger Otten, nur solide Pflichtübungen bei Strack (1. FC Köln) und Augenthaler (Bayern München).

Der Spanien-Profi Uli Stielike, der nach dem Verzicht auf den verletzten Spanien-Profi Bernd Schuster ein bißchen „Spielmacher“ sein sollte, fiel eine Stunde lang im wesentlichen durch Fouls auf, die „rot“-verdächtig waren. Ein „Spielmacher“ war er selbst dann nicht, als nach der Pause die Kraft der Türken nachließ und voll „auf Angriff“ gespielt werden konnte.

Im Angriff sind nun in der Tat die beiden „Spitzen“ Rudi Völler und Karl-Heinz Rummenigge durch niemand anders gleichwertig zu ersetzen. Was für die dritte „Spitze“, den Kölner Littbarski, keineswegs gilt.

Wie auch immer, Jupp Derwall ist in der ungemütlichen Lage, Tagesmannschaften aufstellen zu müssen, wie sie sich gerade aus dem Bundesliga-Alltag ergeben. So mußte er in Berlin zum Beispiel auf Dremmler, Rolff, Karl-Heinz Förster verzichten, weil sie verletzt waren.