Eine wildfremde Frau ergreift meinen Arm und zieht mich in den Nebenraum. Auf einer Steinbank muß ich mich ausstrecken, dann nimmt sie meinen Waschlappen und beginnt mich von allen Seiten abzunibbeln. Dreck und mühsam erworbene Bräune verschwinden gleichermaßen, als sie durch ihre nicht gerade sanfte Massage die obersten Hautschichten entfernt.

Aber nach kurzer Irritaton wirkt die Atmosphäre eher entspannend, sechs Wochen kalter Duschen lassen die Dampfwolken des arabischen Bades (Hammam) noch angenehmer als die ersehnte heimische Badewanne erscheinen.

Ohne die Begleitung meiner tunesischen Freundin hätte ich mich als Europäerin wohl kaum in das arabische Damendampfbad gewagt, trotz der Neugier auf diesen wöchentlichen Treffpunkt, auf die Nachrichtenbörse, die arabischen Frauen sowichtig ist.

Im Umkleideraum, der gleichzeitig als Eingangshalle und Kassenraum dient, werden alle Habseligkeiten sorgfältig auf einem Brett abgestellt, bevor wir – nur mit Badehosen bekleidet und mit einem Eimer vorläufig unbekannten Inhalts ausgerüstet – das eigentliche Bad betreten. Die drei aneinandergrenzenden Gewölbe mit abgestuften Temperaturen weisen auf den römischen Ursprung dieser arabischen „Sauna“ hin, entspricht doch die grundsätzliche Einteilung in einen Vorraum und drei beheizte Waschräume der Anlage antiker Thermen.

Als sich die Augen an das durch Schächte einfallende spärliche Licht und den Dampf gewöhnt haben, erkenne ich in jedem Raum große Steinnischen, die als Bänke benutzt werden. In kleinen Seitenkammern befinden sich Wasserhähne, in zwei der drei Räume riesige Steinbecken mit Wasser. Wir begeben uns zunächst in den wärmsten Raum, wo meine Begleiterin zwei herumstehende Eimer mit heißem Wasser aus dem Becken füllt. Die Füße werden eingeweicht; als sich auf der Stirn Schweißperlen bilden, entnimmt sie dem mitgebrachten Eimer zwei sehr rauhe Waschlappen. Etwas zögernd beginne ich, ihrem Beispiel zu folgen und mich abzureiben, nicht ahnend, daß der Waschlappen als eine Art Massagegerät dient.

In diesem Augenblick sieht mich die Masseuse. Das eigentliche Bad beginnt erst nach der Grobreinigung. Wir versammeln etwa zehn leere Eimer um uns, füllen sie aus den Becken mit heißem und kaltem Wasser und mischen uns alle nur möglichen Zwischentemperaturen. Eine wahre Waschorgie kann beginnen: Immer wieder schöpfen wir mit dem mitgebrachten Henkeltöpfchen Wasser aus den Eimern und gießen es uns über den Kopf, immer wieder ergänzen wir den Wasservorrat. Das Seifenwasser fließt über die Steinböden in einem Raum zusammen, in dem sich auch der Abfluß befindet.

Die ganze Zeit über herrscht reges Kommen und Gehen, Freundinnen werden begrüßt, Neuigkeiten und Klatsch ausgetauscht. Während für die Männer das Kafeehaus viele der sozialen Funktionen des Bades übernommen hat, ist es für die Frauen der Unter- und Mittelschicht bis heute ein soziales Zentrum. Hier kann man sich gänzlich ungeniert bewegen und unterhalten, Männer haben ja keinerlei Zugang. Diese Ungezwungenheit überträgt sich sogar auf mich, die ich als europäischer Gast in Tunesien wesentlich mehr Freiheiten als die einheimischen Frauen genieße.