Von Wolfgang Röhl

Hamburg

Das Zeugnis könnte nicht glänzender ausfallen. Sein Untergebener, so der Leiter der Revierwache 26, sei eine „ausgereifte Persönlichkeit, geistig beweglich, initiativ und eigenverantwortlich“. Er besäße „Ausdauer, Umsicht und Spürnase“ sowie „ein gerüttelt Maß an Erfahrung“. Ferner habe er bereits „einige außergewöhnliche Erfolge erzielt“.

Manche Zuhörer sind verblüfft, andere aufgebracht. Von wem, bitte, redet der Revierführer eigentlich? Der Mann, den er lobt, steht jedenfalls nicht zur Beförderung an, sondern als Angeklagter vor dem Altonaer Amtsgericht. Der 43jährige Polizeihauptmeister Dieter Lücke hat einen schmächtigen, 18jährigen Jungen erschossen. Und zwar nach einer Kette von Fehlern. Was immer dabei eine Rolle gespielt haben mag, eines haben schon die Vorermittlungen ergeben: Umsicht oder gar Verantwortungsbewußtsein kann man Lücke schwerlich attestieren.

Der Fall hat Schlagzeilen gemacht. Zwar sind in diesem Jahr in Hamburg schon drei Menschen durch Polizeikugeln gestorben. Doch nur eine traf einen „Unbescholtenen“. Der Vater des Opfers ist ein betuehter Speditionskaufmann. Der tödliche Schuß in den Hinterkopf des Lehrlings Alf Heins fiel in der Nacht vom 4. auf den 5. März 1983 auf einem düsteren Parkplatz im Hamburger Vorort Lurup. Dort hatten sich Lücke und sein Kollege Bernd G. in einem Campingwagen auf die Lauer gelegt, um eine Serie von Autoaufbrüchen zu klären.

Gegen 2.15 Uhr bemerkt Lücke bei einem Rundgang über den benachbarten Parkplatz Bornheide zwei verdächtige Gestalten, die mit dem Auto gekommen sind. Es handelt sich um den hochgewachsenen Schüler Christian Sch., 19, und seinen nur 1,65 Meter großen Freund Alf Heins. Alf bleibt zunächst im Wagen sitzen, während Christian mit einer Taschenlampe in der Hand auf dem Parkplatz herumgeht. Als Lücke glaubt, entdeckt worden zu sein, ruft er: „Hier Polizei!“ und lädt gleichzeitig („zur Einschüchterung“) seine Dienstpistole durch. Mit der linken Hand hält er Christian fest. Da kommt Alf über den Parkplatz auf ihn zu, fragt: „Is was?“. Lücke versucht, ihn mit einem Beinhaken herumzustoßen und beide Jungen gleichzeitig abzuführen. Nach wenigen Metern knallt es. Alf wird von einem „absoluten Nahschuß“ (so ein Gutachten des Bundeskriminalamtes) in den linken Hinterkopf getroffen, im Polizeijargon auch „Aufsetzer“ genannt. Die Kugel tritt an der Schläfe aus. Alf stirbt in einer Blutlache innerhalb weniger Sekunden.

Soweit ist der Tatbestand unstrittig. Was das Schöffengericht unter Vorsitz der jungen Amtsrichterin Stephanie Haese zu klären versucht, ist der entscheidende Widerspruch in den Aussagen der beiden einzigen Tatzeugen. Der Polizeibeamte behauptet, der Todesschuß sei im Verlauf eines „Gerangels“ gefallen, als sich Christian von ihm losreißen und flüchten wollte. Er, Lücke, habe dabei das Gleichgewicht verloren, sein rechter Arm sei hochgeschnellt, die Waffe gegen den Hinterkopf von Alf geschlagen und der Schuß ausgelöst worden. „Alles ging blitzschnell“. Nur eines will er mit hundertprozentiger Sicherheit wissen: „Ich habe die Waffe nicht auf den Hinterkopf von Heins gehalten“.