Am Beginn des Ausstellungsrundgangs fallen zwei Stolpersteine auf: kleinformatige Bronzeskulpturen von Joel Shapiro liegen da in der anspruchvollen Schlichtheit, die das Vokabular der Minimal-Art auszeichnet, am Boden. Besser als jede langwierige Introduktion zeigen die zwei blockartigen kleinen Skulpturen und die bereits beim übernächsten Aufblicken sich entfaltende Pracht von Bildern aller Arten und Un-Arten, worum es hier geht: Nachdem die alles beherrschende amerikanische Kunst, die seit Kriegsende die Märkte und Museen international bestimmte, Ende der siebziger Jahre eine europäische (vor allem italienisch-deutsche) Konkurrenz mit einer expressiven Malerei bekommen hatte, wird hier ein neuer Anspruch und Anfang gesetzt. „Back to the USA“ (ein lustiger Titel, wenn auch im Moment, wo der bedrückte Europäer weder „Back to the USSR“ noch „Back to the USA“, sondern nur zwischen beiden Mächten überleben möchte): das heißt, daß die mit der Minimal- und Konzept-Art an das Ende der Möglichkeiten der Sprödigkeit gelangte amerikanische Kunst sich frisches Terrain erobert hat. Dabei ist die Wiederentdeckung der zuvor verachteten Bild-Welt und Bilder-Produktion eine Gemeinsamkeit, die die amerikanischen mit den europäischen Künstlern verbindet, eine hier wie dort verständliche Reaktion auf ein Übermaß an Unsinnlichkeit und Verschlossenheit. Aber damit hört die Gemeinsamkeit auch schon auf, denn wo sich die Europäer (mit Aufnahme der Italiener, die sich auch hier ihr eigenes Temperament vorbehalten) in einem Kanon alter Gesten für die neue Einfachheit treffen, da zerfällt die amerikanische Szene in ein buntes Spektrum konträrer Ausdrucksformen.

„Amerikaner lieben es, zu erzählen. Sie lieben Geschichten. Amerikanische Künstler erzählen durchweg Geschichten in ihren Werken“, sagte Holly Solomon, eine Galeristin in New York, zu den Herausgebern des Katalogs. Vor zehn Jahren war Holly Solomon eine Galeristin in New York, keine besonders renommierte. Aber seit sich die Wasserstoffsuperoxydblondine, die aussieht wie von Warhol erfunden, auf die bunte, dekorative „Patterning’-Kunst eingelassen hat, ist sie die Mrs. Peacnum des Gewerbes. Aus ihrer Galerie und aus ihrer und ihres Mannes Sammlung stammt ein Gutteil der Bonner Exponate (das war auch schon so bei der Ausstellung „New York Now“, die vor einem Jahr in der Kestner-Gesellschaft in Hannover gezeigt wurde). Aber auch das gehört, so wissen wir spätestens seit der Berliner „Zeitgeist“-Ausstellung, zum neuen Bild mit den neuen Bildern: Ausstellungen werden nicht mehr in den Ateliers ausgesucht, sondern auf dem Sofa der Kunsthändler verhandelt. Eins von diesen Sofas hat übrigens der Künstler Kim Mac Connel bemalt, bunte Kringel auf hellblau, davor liegt ein ebenfalls bemalter Plüschteppich, das ganze, ziemlich schauerliche Ambiente steht jetzt in der Bonner Ausstellung.

„Bad Paintings“ hieß eine Ausstellung, in der Marcia Tucker 1971 zum ersten Mal die Anfänge dieser neuen Entwicklung vorstellte, und natürlich wollten die Veranstalter damit nicht sagen, daß hier schlechte Malerei gezeigt werde, wohl aber war der Titel ein offenes Bekenntnis zum schlechten Geschmack, zur Banalität, zum Kitsch auch. Zu all diesen Unwägbarkeiten namens Geschmack, über die wir doch immer wieder instinktiv so gut Bescheid zu wissen meinen, haben die mit weniger Vergangenheitsmaßstäben belasteten Amerikaner immer schon eine sorglosere Beziehung gehabt. Und die leben sie auch strahlend aus, zum Schrecken der Europäer. Der erste Einbruch in das europäische Geschmackskonzept war die Pop-Art: Comics, Cola-Flaschen und Marilyn Monroe als Themen der Kunst. Geht das? Nach einem kurzen Moment des Entsetzens stellte sich schon sehr rasch das Vergnügen ein an dieser grellen, großmäuligen, frechen Kunst.

Und nun? Nach den strengen Konzepten und dem Zwischenspiel der freundlichen und glitzernden Flickerlteppich-Kunst der „Patterning“-Art (in Bonn ist sie mit Robert Kushner, Miriam Schapiro und Joyce Kozloff bestens vertreten) also wieder die Wechselbäder von Witz, Platitüde, großer Geste und schlechtem Geschmack auf der Leinwand, dazu Skulpturen, die so lebensnah sind, daß man sie für Akademie-Arbeiten des 19. Jahrhunderts halten könnte. Ein Künstler, der beides zusammenbringt, das Bild mit der Skulptur, ist Robert Longo. Sein Ziel sei es, so sagte er in einem Interview, „Kunstwerke zu schaffen, die gegenüber dem Fernsehen, den Filmen und den Illustrierten-Zeitungen“ bestehen können. Genauso sieht sein „Now Everybody“ (die Bronzefigur eines fliehenden Mannes vor der grau genau gemalten Kriegskulisse) aus: wie „XY-Zimmermann“, „Conan der Barbar“ und „Stern“ zusammen.

Ob Robert Longo oder der geschickt die kleinen Storys von Lust, Laster und Langeweile im Bild übereinanderschichtende David Salle, ob der kühl Kriegsszenarios zeichnende Troy Brauntuch oder der ebenfalls saubere Katastropnenbilder im Photostil produzierende Jack Goldstein: Sie alle demonstrieren in ihren Arbeiten neben soliden Handwerk eine Cleverness und Chuzpe, die allzu erfrischend ist und einen Eklektizismus, der sich bereits der Surrogate aus dritter Hand bedient. Bei dieser Generation haben nicht mehr die Ware und die Reklame induzierend gewirkt (um diese wahrzunehmen, muß man wenigstens die Zeitung durchblättern oder in den Supermarkt gehen), hier hat das Fernsehen das Leben bestimmt und die Kunst gefüttert. Das englische Wort „slick“ kennzeichnet Attitüde und Arbeiten dieser Fernseh-Künstlergeneration so, wie es ein deutsches „schnöde“ oder „glatt“ kaum vermögen.

Man muß keine Feministin sein, um den in jeder Hinsicht starken Auftritt der Künstlerinnen in dieser Ausstellung zu bemerken und zu bewundern. Von den Künstlern (47), die gezeigt werden, sind es besonders die Frauen (13), die eine eigene Bildsprache, eine Phantasie jenseits von Glätte und Schlauheit entfalten. Ob es Miriam Schapiro ist mit ihren heiter sorgfältig komponierten Patchwork-Bildern oder Judy Pfaff mit ihren aus der Wand herauswachsenden Buntpapier-Installationen, ob es Susan Rothenberg ist, die in ihren Pferdebildern über die großen Möglichkeiten subtil nuancierter Malerei Auskunft gibt, oder Judy Riffke, die das Bild zum Objekt und die Skulptur zum Bild werden läßt – sie alle passen alle glücklicherweise nicht in das flotte Sofa-Konzept von Kim Mac Connel, der da bekannte: „Ich finde nichts. Keiner erfindet wirklich etwas; man entnimmt die Sachen dem Zeitgeist.“ Wenn der Künstler seinen Geist gegen den Zeitgeist eintauscht, muß er sich nicht wundern, wenn er mit demselben in der Versenkung verschwindet (Rheinisches Landesmuseum bis zum 15. 1. 1984; die Ausstellung, die aus dem Kunstmuseum Luzern kommt, wird anschließend im Württembergischen Kunstverein Stuttgart gezeigt; Katalog 32,– Mark).

Petra Kipphoff