Leichtsinnig reservieren wir diesen Begriff für die vergangene Jahrhundertwende und vergessen, daß die nächste uns bevorsteht: keine sechstausend Tage mehr (von den Nächten ganz zu schweigen) bis zum Jahr 2000. Also mehr oder weniger übermorgen.

Auch diesem Fin de siècle nähert sich das Abendland voller Zweiflertum und Endzeitstimmung, aber auch mit vorsätzlicher Lebensfreude und neuer Prächtigkeit. Ein „Committee 2000“, in München von Publizisten und Künstlern gegründet, bereitet schon jetzt unter der Devise „Die Zukunft hat wieder Zukunft“ die Silvesterfeier des Jahres 1999 vor und läßt vorsorglich Champagner abfüllen, weil es bekanntlich nichts Trostloseres gibt als die Vorstellung, wir müßten das neue Jahrtausend mit Apfelsaft beginnen. Kunst soll auch dabei sein, von Andy Warhol, Joseph Beuys und Hans-Jörg Voth. Dieser, bekannt als der Mann, der ein Boot aus Stein meißelte, will 2000 Kubikmeter Erde aus allen Teilen der Welt zu einem Gedenkhügel aufschütten, irgendwo in einem Niemandsland. Mahnmal dessen, daß wir Staub sind?

Der Haufen könnte der Clubmitglieder einziges Werk sein, das sie (und uns alle) überlebt. Aber, sagt Andy Warhol, „Überleben allein genügt nicht“. Da hat er recht. Andererseits: Sterben ist ein langweiliger Tod, und wer überlebt, lebt länger, auch ohne Champagner. Grn.