Kritik an Kanzler Helmut Kohl: Kann er Popularität in Autorität umsetzen?

Von Gunter Hofmann

Bonn, im November

Das Amt mache ihm noch immer Freude, hat Helmut Kohl jüngst einem Interviewer gestanden. Aber in diese erste kleine Zwischenbilanz nach einem Jahr flocht der Kanzler auch ein paar einschränkende Randbemerkungen ein. Was er sagt und wie er es sagt, nimmt sich verändert aus. Der Ton ist neu: gestopfte Trompete statt Fanfare.

Inzwischen befindet Kohl sich wieder auf Auslandsreisen, was ihm ungetrübt Freude zu bereiten scheint. Verwunderlich ist das nicht, denn Politik und Psychologie hängen eng miteinander zusammen. Er galt ja als der Mann aus der Provinz, ein Urteil, das ihn geschmerzt hat. Da gewinnen Reisen und der Respekt, der ihm jenseits der Grenzen entgegengebracht wird, doch etwas Befreiendes.

Sogar nach Japan begleiteten den Kanzler jetzt aber noch schlechte Nachrichten. Franz Josef Strauß hat die Reaktion des Kanzlers auf den amerikanischen Einmarsch in Grenada moniert. Und prompt reduziert die Regierung ihre erste Stellungnahme zur „Augenblicksbewertung“. Da zeigt sich Kurs-Unsicherheit.

Im Reisegepäck schleppt Kohl noch ein zweites Problem mit. Er muß bald entscheiden, wer nächster Bundespräsident wird. Der Kanzler wollte sich Zeit lassen, aber der öffentliche Druck wächst. Nicht zu reden vom Drängen Richard von Weizsäckers, der seine gewohnte Reserve aufgegeben hat. Wie der Berliner Regierende den Konflikt austrägt, das läßt sogar nach außen etwas davon sichtbar werden, welch erbitterter Kampf da intern augenblicklich tobt.