Von Hans Otto Eglau

Die Atmosphäre war frostig, die Sitzung so kurz wie selten. Schon nach zwei Stunden entschuldigte sich Juergen Krackow, Chef des schwer angeschlagenen Völklinger Stahlkonzerns Arbed Saarstahl, am Donnerstag vergangener Woche gegen elf bei seinen Aufsichtsratsmitgliedern, um pünktlich um zwei Uhr in Bonn zu sein.

Dort, im Bundeswirtschaftsministerium, wartete Hausherr Otto Graf Lambsdorff zusammen mit Finanzminister Gerhard Stoltenberg und ihren saarländischen Ressortkollegen Walter Henn und Erhard Zeitel bereits auf den termingestreßten Stahlboß. Doch was sich die ministeriellen Subventionsverwalter von Krackow erhofft hatten, blieb ihnen der Topmanager von der Saar schuldig: ein den Bonner Mindestvorstellungen entsprechendes Sanierungskonzept – Voraussetzung für weitere Geldspritzen zugunsten des vom Konkurs bedrohten Stahlunternehmens.

An diesem Donnerstag muß Juergen Krackow abermals anreisen. Mit Staatshilfe wird er jedoch nur rechnen können, wenn er die Erfüllung zweier Bedingungen zusagen kann: einen „nennenswerten Beitrag zur Gesundung“ des Konzerns durch die Hausbanken und ein gleichzeitiges Einkommensopfer der Beschäftigten. Daß Bund und Land nicht ohne einen spürbaren Eigenbeitrag der unmittelbar Beteiligten neue Millionen lockermachen wollen, ist nur allzu verständlich. Bis heute wurden für den schwach gewordenen Hüttenriesen in Form von Bürgschaften, Zuschüssen sowie Zins- und Tilgungsübernahmen bereits 3,065 Milliarden Mark bewilligt. Im Schnitt ist damit jeder Bundesbürger, vom Baby bis zum Greis, allein für dieses Unternehmen mit rund fünfzig Mark im Obligo.

Ohne die massive Stützung durch die öffentlichen Hände wäre der aus dem Hüttenbesitz der Industriefamilien Röchling, Stumm und Wolff entstandene und unter der Regie der Luxemburger Arbed-Gruppe durch die Stahlkrise geführte Konzern längst zusammengebrochen. Bis Ende 1982 hatte sich in den Büchern von Arbed Saarstahl ein Schuldenberg von 2,8 Milliarden Mark angehäuft – bei einem Jahresumsatz von nur 2,18 Milliarden Mark. Allein für Zinsen mußte das Unternehmen 274 Millionen Mark – das entspricht 12,5 Prozent des Umsatzes – an die Banken überweisen.

Die christlich-liberalen Regierungen in Bonn und Saarbrücken sind denn auch bereit, den Havaristen durch eine Teilentschuldung wieder flott zu machen. Konkret würde dies eine Übernahme von Zinsen und Tilgungsraten für staatlich verbürgte Kredite von 1,18 Milliarden Mark durch Bund und Land bedeuten. Überdies würde sich das Saarland im Falle von Massenentlassungen wohl auch an der Finanzierung der dazu erforderlichen Sozialpläne beteiligen.

Für die strukturschwache Saar steht im Ringen um die Rettung ihres größten Industrieunternehmens besonders viel auf dem Spiel. Die Schließung von Arbed Saarstahl würde nicht nur die unmittelbar betroffenen 17 200 Arbeitsplätze kosten, sondern darüber hinaus zahlreiche Zulieferbetriebe und Dienstleistungsfirmen mit in den Pleitestrudel reißen.