Es ist ein eigenartig Ding mit der Tradition. Fehlt es uns an dem Bewußtsein dafür, hebt allgemeines Klagen an; schaffen wir uns eine neue, um sie den Nachfahren weiterzugeben, findet sich bald gewiß jemand, dem auch diese Richtung wieder peinlich ist. Wie sehr es gerade uns Deutschen des rechten Maßes mangelt, auch der Gelassenheit im Umgang mit historischen Symbolen, erhellen zwei kleine Begebenheiten am Rande der großen Politik.

Die eine spielt im Württembergischen. Dort war die Eberhard-Finckh-Kaserne in Großengstingen, benannt nach einem Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944, ins Gerede gekommen, weil hier Atomwaffen lagern. In einem Brief an den Bundesverteidigungsminister haben jetzt die Kinder: des in Plötzensee Hingerichteten der Bundeswehrkaserne den Namen entzogen. Da sich atomare Vernichtungspotentiale moralisch nicht mehr rechtfertigen ließen, glauben sie im Sinne ihres Vaters zu handeln.

Die Hardthöhe indes denkt nicht an eine Umbenennung. Die Einwilligung der Familienangehörigen, die jeweils eingeholt wird, wenn eine Kaserne oder ein Schiff nach einer historischen Persönlichkeit benannt werden soll, geschehe ohne Widerruf. Nun wird die Familie Finckh gewiß nicht deswegen die Bundeswehr vor den Kadi zitieren. Gleichwohl bemüht sie sich um juristische Gutachten. Eine knifflige Doktorfrage für Absolventen der Jurisprudenz: Dürfen die Nachfahren ihre Patenschaft zurückziehen? Und wo würde das hinführen? Wie viele Orden, Medaillen, Plaketten, Stiftungen, Häuser wären da noch ihres guten Namens sicher?

Wer mit dem nationalen Erbe tagespolitische Überlegungen anstelle, der versündige sich an ihm, so ein anderes Argument der Militärs. Ein bißchen viel Pathos, denn über alle Zweifel erhaben ist die Haltung der Bundeswehr zum militärischen Widerstand gegen Hitler nie gewesen, auch wenn Minister Wörner in seinem Antwortbrief soeben versichert hat, die Bundeswehr stehe unverändert für die Werte ein, für die Oberst Finckh in Plötzensee sein Leben ließ – darum bleibe er ihr Vorbild. Finckhs Kinder jedoch meinen, die Verhältnisse hätten sich seit der Kasernentaufe 1965 geändert. Sie berufen sich auf die väterliche Gesinnung, um den Widerstand gegen die Atomraketen durch das Beispiel des 20. Juli zu legitimieren. Versündigt haben sie sich damit noch nicht am Andenken ihres Vaters, vielleicht aber zu kurz gedacht. Denn wer will sagen, ob sich nicht irgendeines Tages ein Soldat der Kaserne gerade durch den Namen Finckh ermutigt fühlen könnte, aus Gewissensgrunden einen Befehl zu verweigern?

Immer sind historische Symbole in Gefahr, von nachfolgenden Generationen verworfen oder mißbraucht zu werden. Warum nicht die Souveränität und Grandeur bewahren, wie sie die Franzosen auszeichnet, die sich zu allen hellen und dunklen Tagen ihrer Geschichte bekennen?

Eben erst hat der Pariser Bürgermeister Chirac zugesagt, ein Bronzerelief der Siegessäule in Berlin, das die Franzosen 1945 als Kriegsbeute mitgenommen hatten, demnächst zurückzugeben. Und schon fand sich in der Senatskanzlei ein ängstlicher Geist: Man dürfe das Relief – es zeigt Darstellungen aus dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 – nicht wieder anbringen, sondern solle es einlagern.

Man kann die Siegessäule aus künstlerischen Gründen geschmacklos! finden („Siegesschornstein“, spotteten seinerzeit die Berliner), man kann sogar Bismarcks Krieg gegen Frankreich und erst recht die Annexion des Elsaß für ein Verbrechen halten – warum aber sollten wir französischer sein als die Franzosen? Anstatt sich darüber zu freuen, daß der Sieger von gestern einen wenig ritterlichen Akt wiedergutmacht, betätigen sich unsichere Gemüter als Geschichtszensoren, wo es doch nur darum geht, mit Symbolen zu leben, die von den Leistungen und Taten, aber auch den Irrtümern und Irrwegen vergangener Epochen zeugen. Wir könnten da noch von den Kommunisten lernen. Nikita Chruschtschow, befragt, was er denn angesichts zaristischer Bildwerke im Kreml empfinde, hatte die kluge Antwort parat: „Man löscht Geschichte nicht mit dem Radiergummi aus.“ kj.