Folgen der Wirtschaftsflaute: Die beamteten Geldeintreiber sind mit Aufträgen überlastet

Von Klaus Schuster

Acht Haftbefehle, eine Entmündigung, 27 Zwangsvollstreckungen, anschließend noch sechs Stunden Papierkrieg am häuslichen Schreibtisch. So sieht ein typischer Arbeitstag des Esseners Alfred Greiner aus. Der 42jährige ist Gerichtsvollzieher.

Greiners Tagespensum von vierzehn Stunden ist keine Ausnahme, eher die Regel in einem Berufsstand, dessen Arbeitsbelastung in den letzten Jahren durch Wirtschaftskrise, Pleiten-Boom und Massenarbeitslosigkeit extrem zugenommen hat. Gut 2700 Gerichtsvollzieher gibt es, die landauf, landab Zwangsvollstreckungen und Pfändungen zustellen, Entmündigungsbeschlüsse überbringen, Versteigerungen organisieren, Unpfändbarkeitsbescheinigungen unterzeichnen, Offenbarungseide erzwingen und Haftbefehle ausführen.

Etwa zweitausend solcher Aufträge hat ein Vollzieher jährlich abzuwickeln. So schreibt es jedenfalls die Norm vor. Je mehr Firmen in die Pleite rutschten, je mehr Menschen arbeitslos wurden und blieben, um so dicker wurden täglich die Auftragspakete, die die Gerichtsvollzieher in ihren Postfächern bei den Amtsgerichten vorfanden: 1981 hatten sie fast 6,5 Millionen Zwangsvollstreckungen zu bewältigen – das sind 2400 Fälle pro Gerichtsvollzieher. Insgesamt 2,5 Milliarden Mark trieben sie dabei ein.

Für 1982 liegt zwar noch keine Statistik für alle Bundesländer vor, dennoch steht schon fest, daß die Gerichtsvollzieher ein noch größeres Pensum absolvierten. Allein in Nordrhein-Westfalen nahm die Zahl der Zwangsvollstreckungen von 1,9 auf 2,2 Millionen zu. Die Versteigerungen stiegen um zwanzig Prozent. Trotzdem beschäftigte das Land nur 866 Gerichtsvollzieher, ganze fünf mehr als im Jahr davor.

Wenn überhaupt, dann murren die Beamten der Rechtspflege nur leise über die katastrophale Unterbesetzung in ihren Reihen. In Essen zum Beispiel machen 31 Gerichtsvollzieher die Arbeit von 44, die nach der Norm verfügbar sein müßten. Die einst von den Justizministern der Länder am grünen Tisch festgelegte Norm von 2000 Aufträgen pro Jahr bewältigt heute fast jeder Gerichtsvollzieher in einem halben Jahr, manche sogar in vier Monaten> Die Belastung liegt heute in Nordrhein-Westfalen bei 43 Prozent, im Bundesdurchschnitt bei 40 Prozent mehr. Alfred Greiner in Essen schaffte letztes Jahr sogar das Doppelte.