Hersbruck

Die fränkische Kleinstadt Hersbruck, dreißig Kilometer östlich von Nürnberg, hatte ihre Vergangenheit fast schon bewältigt. Aus dem Kommandanturgebäude des ehemaligen Konzentrationslagers wurde zunächst eine Volksschule, später zog das Finanzamt ein. Wo 1944 und 1945 bis zu 6000 Häftlinge in gestreiften Kitteln in Baracken hausten, wurden Sportplätze angelegt und Häuser der Baugenossenschaft errichtet. Der ehemalige Appell- und Hinrichtungsplatz dient jetzt den Besuchern des benachbarten Freibades als Parkplatz. Nur an einem Seiteneingang der nach dem Krieg erbauten Landwirtschaftsschule erinnert eine Tafel in deutscher und französischer Sprache „an alle Deportierten, die hier gelebt haben und für die Freiheit gestorben sind 1943-1945“. Kein Wort davon, daß hier eines der beiden größten Außenkommandos des ostbayerischen KZ Flossenbürg stand.

Irgendwo versteckt im Wald, einige Kilometer von der Stadt entfernt, erinnern Gedenksteine an die „Opfer des KZ-Lagers Hersbruck, die an dieser Stelle eingeäschert wurden“. Im Herbst 1944 schafften nämlich die Krematorien in Nürnberg und in der Nähe von Hersbruck die Leichenberge nicht mehr; die SS ließ riesige Scheiterhaufen an abgelegenen Plätzen errichten.

„Der Schleier der Vergessenheit... wird sich bald wieder über die Hirne senken“, schrieb 1950 der Gerichtsreporter der Nürnberger Nachrichten in seinem Bericht über den Schwurgerichtsprozeß gegen Hersbrucker SS-Leute. Für die nächsten drei Jahrzehnte sollte er recht behalten.

Im Frühjahr 1982 – die Historiker hatten sich mit dem Lager bisher nur in Fußnoten befaßt – erschien ein erstes Buch über das KZ in Hersbruck. Der evangelische Pfarrer Hans-Friedrich Lenz, Jahrgang 1902, berichtete über seine Zeit als zwangsverpflichteter SS-Oberscharführer („Sagen Sie, Herr Pfarrer, wie kommen Sie zur SS?“). Trotz seines Engagements in der hessischen Bekennenden Kirche war er dem Kommandoführer in Hersbruck als Schreiber zugeordnet worden. Seine Schilderung war zwar noch keine systematische Darstellung der Lagergeschichte, bot aber den Hersbruckern erstmals Informationen über die jüngere Geschichte ihrer Stadt.

Ein Abiturient aus der Nachbargemeinde Happurg – dort waren die KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter im Stollenbau eingesetzt – wollte es genauer wissen. Gerd Vanselow beschloß deshalb, nach Rücksprache mit seinem Geschichtslehrer, über „Das Konzentrationslager Hersbruck“ eine Facharbeit zu schreiben. Er mußte fast bei Null anfangen: Das Buch von Lenz war noch nicht erschienen, andere Veröffentlichungen nicht bekannt.

Die Nürnberger Justizbehörden weigerten sich, Unterlagen über den Schwurgerichtsprozeß von 1950 herauszugeben. Von der Bundesvermögensverwaltung in Nürnberg erhielt er einen Lageplan der Stollenanlage bei Happurg, wo die Häftlinge unter ständiger Lebensgefahr eine vor Luftangriffen geschützte Fabrik für Flugzeugmotoren bauen sollten. Das Stadtarchiv Hersbruck, 1945 ausgebrannt, konnte nur noch einen Plan des Lagergeländes vorweisen, den die Amerikaner nach der Einnahme des Ortes anfertigen ließen. Mit einem Häftlingsbericht aus dem KZ-Museum Dachau waren die schriftlichen Quellen schließlich erschöpft.