Der Kinder-Leistungssport braucht vernünftige Richtlinien

Von Klaus Heinemann

Der Leistungssport mit Kindern ist in die öffentliche Kritik geraten. „Kinderarbeit“ und „Fremdbestimmung“ werden seine Etiketts; hoher zeitlicher Aufwand, schwere körperliche Schäden, Vermarktung durch die Medien, Monotonie und hochgradige Spezialisierung des Trainings werden ihm angelastet. Was sich früh krümmt, wird oft bloß auf Dauer krumm – so befürchtet Jürgen Funke in seinem Artikel in der ZEIT vom 7. Oktober 1983. Die Trainingsschraube werde tief in das Leben von Kindern hineingedreht, so daß die Kinder wohl auch vor dem Deutschen Sportbund geschützt werden müssen, wenn dieser nicht der Forderung von Jürgen Funke, aus dem Leistungssport auszusteigen, nachkommt. Richtiger Sport könne nur eine breit angelegte Bewegungs- und Körpererziehung sein.

Es wird von dem Leistungssport gesprochen, obwohl er in seinen Sportarten, Belastungs- und Trainingsanforderungen, in dem Alter der Leistungsspitze ein so vielfältiges Gebilde darstellt, daß sich schon deshalb eine einheitliche Bewertung seiner Gefahren und Möglichkeiten redlicherweise verbietet; es wird von den Kindern gesprochen, obwohl sich Kinder unter ganz unterschiedlichen Bedingungen entwickeln, der Leistungssport also ganz unterschiedliche Wirkungen haben kann; es wird als sicher unterstellt, was kindgemäß ist, obwohl Vorstellungen vom Kind-Sein sehr unterschiedlich sind und sich auch wandeln – was sicherlich seit 1804, als Guts Muths seinen „Beytrag zur nöthigen Verbesserung der körperlichen Erziehung“ veröffentlichte, auf den sich Jürgen Funke vor allem beruft, wenn er sein „richtiges“ Sportkonzept begründet, geschehen ist.

Ohne Zweifel hat sich in manchen – keineswegs in allen – Sportarten das Alter der Hochleistungssportler erheblich vorverlagert – dies gilt vor allem im Eiskunstlaufen, Schwimmen und Turnen; sicher gibt es eine Reihe von „Schwellensportarten“, die dabei sind, den Hochleistungssport in das Kindesalter hineinzutragen. Man muß daher die Besorgnis in der Öffentlichkeit und auch in den Sportverbänden beim Anblick der oft noch kindlichen Olympiasieger verstehen; man muß in der Tat fragen, ob diese Vorverlagerung des Leistungsmaximums medizinisch, pädagogisch und psychologisch noch zu verantworten ist.

Zunächst muß aber festgehalten werden, daß die Zahl derer, die sich in den Bundeskadern auf nationale und internationale Wettkämpfe vorbereiten (A-, B-, C-Kader), relativ klein ist und eine kontinuierlich abnehmende Tendenz hat. 1979 wurden hier noch 164 Kinder bis zum 14. Lebensjahr registriert (49 Jungen, 115 Mädchen), 1983 waren es nur noch 62 (davon 15 Jungen und 47 Mädchen). Jünger als zwölf (Mädchen) beziehungsweise dreizehn Jahre (Jungen) waren nur drei Sportler. Das Problem hat sich in den letzten Jahren zumindest quantitativ auf ein Drittel reduziert.

Die Probleme, die der Leistungssport der Kinder mit sich bringt, sind nicht zu leugnen. Sie liegen vor allem darin, daß die medizinische Eingangsuntersuchung, die einerseits gewährleisten soll, daß nur Kinder ohne gesundheitliche Risiken zum Leistungssport zugelassen werden, und die andererseits eine Beratung über die Sportarten und ihre Belastungen zuläßt, oft ungenügend ist. Sicherlich läßt auch die erforderliche gründliche und kontinuierliche sportmedizinische Betreuung zu wünschen übrig. Auch ist eine zeitliche Belastung von bis zu fünf Stunden am Tag für Training und Wettkampf ebensowenig zu vertreten wie ein Training frühmorgens vor Schulbeginn.