Der Staat spielt seine Rolle in der Forschung herunter / Von Helmut Becker

Japan muß sich bewußt sein, daß die Partner-Staaten Interventionen der Regierungen nicht so leicht tolerieren“, meint Charles Ängevine, Botschaftsrat in der Wirtschaftsabteilung der US-Botschaft in Tokio. In den amerikanisch-japanischen Beziehungen geht es jetzt um die Industriepolitik. Und das schon bald und auf höchster Ebene. Bei seinem Tokio-Besuch vom 9. bis 12. November will US-Präsident Reagan selbst mit Japans Regierungschef Nakasone über die umstrittene Schlüsselrolle der japanischen Administration bei den strategischen Plänen der heimischen Industrie zur Eroberung des Weltmarktes reden.

Das Thema ist ebenso kontrovers wie wichtig. Amerikaner und Europäer hatten schon in der Vergangenheit die auf wenige Märkte konzentrierten Exportfeldzüge ganzer Pulks von japanischen Konzernen kritisiert; sie befürchten nun, daß ihnen die fernöstlichen Konkurrenten auch auf den Märkten von morgen und übermorgen systematisch den Rang ablaufen wollen. Die US-Regierung und die EG fürchten, das mächtige Tokioter Ministerium für Handel und Industrie (MITI) sammle die japanische Industrie und blase zum letzten Gefecht der sogenannten Japan-AG gegen die letzten Bastionen technologischer Überlegenheit der anderen Industriestaaten. Die Amerikaner zeigen sich seit gut einem Jahr besonders besorgt; in modernen Technologien gewannen die Japaner immer mehr Stärke, die Vereinigten Staaten witterten gleich eine Verschwörung des MITI gegen marktwirtschaftliche Spielregeln und amerikanische Vorherrschaft vor allem in der Elektronik.

„Die japanische Industrie dringt in rasantem Tempo in die Hochtechnologie vor, und das verdankt sie Führung und Hilfe der Regierung“, so beginnt ein Dossier des amerikanischen Unter-Staatssekretärs im US-Handelsministerium, Lionel Olmer, das er dem Präsidenten nach einer Japanreise im November 1982 zuleitete. Dann malt der Olmer-Report ein Kolossalgemälde von der Allzuständigkeit des MITI als Schaltzentrale der Wirtschaftssupermacht Japan: „Das MITI wählt zunächst Märkte aus und stellt dann Forschungs- und Entwicklungsmittel in großem Maßstab bereit. Dann wird die privatwirtschaftliche Forschung zusammengefaßt und der Inlandmarkt abgeschottet, damit die Industrie eine Ausgangsbasis für aggressive Exportfeldzüge hat.“ Die „Kollektivierung“ privatwirtschaftlicher Ressourcen werde von den MITI-Bürokraten angestrebt, in Vergangenheit und für die Zukunft: „Die Förderung der Hochtechnologie ist in Japan nicht vorübergehender Natur“, warnt Olmer das Weiße Haus und die amerikanische Industrie.

Die Regierung in Tokio zeigte sich von der Attacke betroffen, obwohl Bundeswirtschaftsminister Lambsdorff die Japaner bereits ein gutes halbes Jahr vor Olmer vor den bösen Folgen eines „Wettbewerbs von Staaten gegen Staaten an Stelle von Unternehmen gegen Unternehmen als dritter Dimension des Protektionismus“ gewarnt hatte. Nach einer Phase des Schweigens ging das MITI zur Gegenoffensive über. Im Frühsommer dieses Jahres veröffentlichte das Ministerium ein Heft über Japans Industriepolitik, in dem es sich selbst „eine leichte Hand“ beim Management der japanischen Wirtschaft bestätigte: „Alle Staaten“, so wiegelten die Beamten ab, „praktizieren eine große Variation von Industriepolitik“. Die Tageszeitung Mainichi meinte sarkastisch zu der Entlastungsschrift der Bürokraten: „Die Sprachregelung in den Ämtern ähnelt der Haltung der drei Affen, die nichts Böses sehen, hören oder sagen wollen. Industriepolitik scheint für Tokio plötzlich ein Novum zu sein.“

Tatsächlich ist nur neu, daß das MITI seine Rolle als Steuermann der Japan-AG verharmlost. Bisher durfte die Nation stolz auf ihre Elitebürokratie sein und das auch aussprechen. Kaum ein japanischer Politiker oder Wirtschaftler, der sich bis Ende letzten Jahres nicht ehrfürchtig und stolz über die Industriepolitik des MITI geäußert hätte. „Die sorgfältige Auswahl von Industriezweigen, ihr Schutz vor ruinösem Wettbewerb und ihre Aufzucht zu wettbewerbsfähiger Größe... ist Japans Industriepolitik“, schreibt etwa Sauro Okita, Wirtschaftsprofessor, ehemaliger Chef des Planungsstabes des regierungsamtlichen Wirtschaftsplanungsamtes und zeitweiliger Außenminister des Landes. Vor allem Nippons Wertpapierhäuser pflegten mit dem Hinweis auf die aktive Industriepolitik des MITI den Verkauf von japanischen Aktien in Übersee zu fördern. „Hinter der Popularität des japanischen Aktienmarktes steht die Erfolgsgeschichte der klaren Planung des MITI“, meldete das Brokerhaus Yamaichi in einer Studie über Japans moderne Technologie und resümierte, nachdem klargestellt wird, daß Nippon keine „sozialistische Planwirtschaft“ sei: „Bei uns gibt die Regierung viel mehr Direktiven an die Industrie als in anderen Industriestaaten.“

Lästiger Mythos