Von Manfred Sack

Verstehe einer die Geheimnistuerei mit einem Projekt, dem man frühzeitig die Neugier aller wünschen sollte. Es geht weder um eine neuerliche Steigerung todbringender Vernichtungswaffen noch um ihre versteckte Plazierung, sondern um nichts weiter als eine Gruppe von Gebäuden, die den Abgeordneten in Bonn die Arbeit ein wenig erleichtern sollen. Schon könnte man meinen, daß dies es sei, was der Öffentlichkeit fürs erste vorenthalten werden soll: ob und wie sich die demokratische Verfassung in der Architektur spiegeln wird und daß dafür auch Geld ausgegeben werden muß. Denn nach den vielen bitteren Erfahrungen mit dem „Bauherrn Demokratie“ weiß man, daß er Schwierigkeiten hat, sich „richtig“ auszudrücken, nicht zu monumental und nicht zu schäbig, weder zu ewig noch zu flüchtig, weder protzig noch ärmlich.

Ach nein, es ist etwas ganz Banales. Der alte Demokrat Richard Stücklen fürchtet, frühe Diskussionen könnten den sieben Mitgliedern der Baukommission des Bundestages, der er ohne Stimmrecht vorsitzt, den Geschmack verderben. Beim Bundesbauminister Oscar Schneider wiederum ist es eher die Eifersucht auf den eigenen Geschmack, den er der Kommission ungefragt und unverhohlen in einer „Beschlußempfehlung“ schon vorformuliert hat: nämlich auch einem Entwurf Aufmerksamkeit zu schenken, den die Jury als schlechtesten eingestuft hat, den er hingegen für ein Beispiel wahrhaft demokratischer Repräsentation hält. Eben das ermuntert uns, von dem Projekt zu berichten, bevor die Kommission darüber am 8. November entscheiden wird.

Es verdient soviel Aufhebens, weil es nicht um irgendein Gebäude geht, sondern um welche, denen, gewollt oder nicht, eine zeichenhafte Bedeutung zukommen wird: als einem Abbild unserer Demokratie. Wie das aussehen „sollte“, ist deswegen so unsicher, weil ihre Repräsentanten, die Bundestagsabgeordneten, vielleicht am Bauen interessiert sind (und daran, was es kostet), aber nicht an Architektur. Das Thema ist ihnen, wie vielen, fremd.