Von Karl-Heinz Wocker

London, im November

Grenada hin, Vertrauenskrise her – die britisch-amerikanische Achse, die totgesagte „special relationship“ lebt, ja, sie blüht und gedeiht. Denn was immer von den Wogen des Zorns darüber, daß Präsident Reagan die Commonwealth-Muttermacht nicht rechtzeitig von der Invasion auf der Karibik-Insel informierte, an die Tore des Weißen Hauses gebrandet sein mag in den letzten acht Tagen: Das Pentagon registriert mit Zufriedenheit die Stationierung von sechsundneunzig Marschflugkörpern auf dem RAF-Flugplatz Greenham Common in Berkshire westlich von London innerhalb der nächsten Wochen. Das Datum ihrer Gefechtsfähigkeit, der 31. Dezember dieses Jahres, ist vom britischen Unterhaus mit 362 zu 218 Stimmen bestätigt worden.

Die große Mehrheit der britischen Volksvertreter hat also die Erklärung der Regierung über ein Veto-Recht beim Einsatz dieser Waffen akzeptiert, obwohl es das nicht gibt und nicht geben kann. In den Vereinigten Staaten weiß jeder Eingeweihte, daß ein amerikanischer Präsident niemals die Mitverfügung eines Ausländers – wie eng verbündet er auch immer sein mag – beim Einsatz amerikanischer Soldaten oder Waffen zulassen darf. In London – das zeigte die Debatte – glaubt die Mehrheit der Politiker das Gegenteil.

Wenn die USA uns nicht informieren, so beschwor Dennis Healey von den Labour-Bänken das Parlament, bevor sie eine relativ unwichtige Klein-Insel weit vom Schuß unschädlich machen, wie werden sie uns dann ein Veto zubilligen, sollte es eines Tages um den wirklichen Ernstfall gehen – die unmittelbar bevorstehende, angenommene und eingebildete Bedrohung Amerikas durch einen sowjetischen Atomüberfall? Er beschwor vergebens. Nicht zuletzt, weil anderthalb Tage zuvor Frau Thatcher in einem glänzend instrumentierten Klein-Manöver eine der schärfsten Verurteilungen der amerikanischen Invasion Grenadas ausgesprochen hatte, die irgendwo vernommen wurde. Vor der größten Zuhörerschaft der Welt, die sich unter Ausschluß der wirklichen Öffentlichkeit denken läßt, also über den BBC-World-Service, beantwortete sie Fragen, die in perfekter Regie scheinbar zufällig aus solchen „interessierten“ Orten wie New York und Managua kamen.

Man marschiert nicht überall dort ein, sagte die Premierministerin, wo Kommunisten regieren, auch wenn sie das gegen den Willen der Bevölkerung tun. Da arbeitet man mit Überzeugungsversuchen. Als Beispiel nannte sie Mittelamerika und Osteuropa. Das Medium Hörfunk gab dieser scharfen Verurteilung Reaganscher Interventionslust zwar ein weltweites Auditorium, es signalisierte aber Washington gleichzeitig, daß man bewußt nicht den schweren Knüppel eines Fernsehinterviews – mit automatischen Übernahmen durch die amerikanischen Medien – oder gar die Bombe einer Regierungserklärung im Unterhaus gewählt hatte. London wollte die Kleinzündung mit großer Wirkung, eine Art von Neutronenbombe, wenn man will: Der Präsident bekam alles ab, aber die Sache, der westliche Bündniszusammenhalt, blieb intakt.

Denn mit diesen starken Worten – „Ich wette meinen Kopf, daß die USA nicht in Nicaragua einmarschieren“ – räumte Frau Thatcher fast den gesamten aufgestauten Zorn ihrer eigenen Partei über die Invasion Grenadas aus dem Wege. Da sie es gesagt hatte, brauchten die Torries im Parlament, als es um die Raketenstationierung ging, den Zorn nicht neu zu demonstrieren, etwa durch eine Revolte bei der Abstimmung. Was aber passiert wäre, hätte das Unterhaus aus Trotz über Grenada wirklich die Marschflugkörper abgelehnt oder den Oppositionsantrag angenommen, ein englischer Zweitschlüssel vor deren Einsatz sei nötig (was immerhin acht von zehn Briten laut Umfrage wünschen), ist nicht auszudenken.