Stefan George: „Gedichte“, Auswahl und Nachwort von Ernst Klett. „Bewundert viel und viel gescholten“, nach 1945 ins Zwielicht geraten, das sich noch immer nicht ganz gelichtet hat, ist Stefan George in seiner historischen und künstlerischen Bedeutung nicht mehr zu übersehen. Das Monument George ist vielen fatal, doch übersehen diese, daß fatal nicht so sehr der Meister als seine Jünger, genauer: die Schüler der Jünger sind. Aber auch der Meister schafft Unruhe, und das genaue Halbjahrhundert, das uns von seinem Todesjahr trennt, hat nicht genügt, diese (heilsame?) Unruhe zu lösen. Seit Georges Tod hat eine zunehmende Säkularisierung seiner Wirkung eingesetzt. Zu seinen Lebzeiten war es undenkbar, daß Gedichte von ihm in anderen Verlagen oder in Anthologien nachgedruckt wurden. Heute kann ihn keine Anthologie von Anspruch ausklammern, selbst im Echtermeyer ist er (geschickt von Benno von Wiese) für den Schulgebrauch aufbereitet. Gelegentlich wurde sogar das Sakrileg gewagt, Georges Schreibweise zu „normalisieren“, doch kam das schon einer Verfälschung nahe und hat sich nicht durchgesetzt. In Katharina Kippenbergs Lyrik-Auswahl (Insel-West 1957) findet er sich zweimal; die Konkurrenz-Anthologie (Insel-Ost 1958) darf ihn nicht mehr kennen. Der achtzehnbändigen Gesamtausgabe bei Bondi in den dreißiger Jahren folgte nach dem Kriege die von Boehringer besorgte bei Küpper-Bondi; zurzeit baut Klett-Cotta eine neue auf. In dieses Vakuum stößt eine Auswahl der Gedichte bei Klett-Cotta, von Ernst Klett besorgt. Die Auswahl verrät Kennerschaft, ist repräsentativ und berücksichtigt alle Versbücher des Dichters. (Leider wird die Herkunft der einzelnen Stücke im Inhaltsverzeichnis nicht nachgewiesen.) Die berühmten Stücke sind (fast) alle vertreten. Im übrigen bleibt das berechtigte subjektive Moment jeder Auswahl; darüber ist nicht zu rechten, und so erübrigt es sich, daß der Rezensent diejenigen Gedichte nennt, die er vermißt oder gegen aufgenommene ausgewechselt hätte. Ernst Kletts Nachwort ist vorzüglich; auf gut zwanzig Seiten wird das sachlich Notwendige mit Überlegenheit, mit Würde ohne Pathos gesagt. Georges Leistung: „ein unerhörter Willensakt, die Sprache aus dem Nichts in ihre angespannte Würde zu heben“, ein neues Ethos mit kultischen Elementen zu schaffen, das sich der Formelemente des hohen Stils und der harten Fügung bedient. Klett sieht in George das Magisch-Unheimliche, Bannende (und nicht Ungefährliche) als Gegenpol des Apollinischen, spricht taktvoll von der Epiphanie Maximins und von Georges Leidenschaft zur Form als einem ethischen Postulat. Daß George der Gegenwart fragwürdig erscheint, wird kulturkritisch begründet: „Kein Staatswesen ist so in Gefahr, außer Form zu geraten, wie die Demokratie.“ Der Frage, ob George als Vorbereiter des Nationalsozialismus zu gelten habe, wird nicht ausgewichen; sie wird unbefangen bejaht. Aber nicht George implizierte Verwerfliches, wohl aber das braune System, das Heterogenstes aufsaugte wie ein Schwamm – „und ab Hitler ihn ausdrückte, kam Jauche heraus.“ – Führt eine solche Auswahl, so vortrefflich sie sein mag, zu neuer lebendiger Wirkung des Dichters? (Cotta’s Bibliothek der Moderne, Band 20, Klett-Cotta, Stuttgart, 1983; 128 S., 16,80 DM.) Martin Kießig